Herzlich willkommen!

No-Hate1

Gottes Rückenwind und Segen für einen guten Start in das Neue Jahr!

Herzlichst

Stephan Wahl

 

9.Februar 2016

Zu meiner Formulierung:
„ AfD Populisten sind verbalpopulistische Embryonalverbrecher! Und werden richtige V. wenn wir sie nicht stoppen.“
Dieser Satz ist zugegebenermassen etwas stark überspitzt formuliert. Da ich ich ihn geschrieben habe, lasse ich ihn jedoch stehen und setze mich weiterhin der Kritik aus. Ich bin nicht auf der „Computermaus ausgerutscht“ wie AfDFrau von Storch ihren unsäglichen Schiessbefehlpost auf lächerliche Weise erklären will. Mit meiner Formulierung drücke ich meine heftige Sorge aus, dass in populistischen Aussagen von AfD Politikern z.B. zum Flüchtlingsthema der Keim für daraus folgende Verbrechen zu finden ist, zu denen ich die massenhafte Zunahme von Angriffen auf Flüchtlingsheime zähle. Über die Silvesterübergriffe in Köln wird zu Recht geklagt, die weitaus höhere Zahl an Anschlägen auf Flüchtlingsheime wird im Verhältnis dazu vernachlässigt (siehe Post vom 3.1.). Deswegen nenne ich AfD’ler nicht Verbrecher sondern gefährliche Wortpopulisten, deren Aussagen zu Verbrechen führen können, wenn wir sie nicht stoppen werden. Verbale Hetzkampagnen haben uns schon einmal Verderben gestürzt. Und mich schaudert, wenn sich dafür auch heute Christen hergeben.

7. Februar 2016

Die Reaktionen auf mein Statement  vom 5.2. haben nicht lange auf sich warten lassen. Nur zur Klarheit: ich habe geschrieben: “Wer als Christ egal welcher Konfession mit den Rattenfängern der AfD sympathisiert und erwägt sie zu wählen soll so konsequent sein seine/ihre Kirche zu verlassen. Da ist nichts zu vereinbaren.”  Ich fordere somit nicht zum Kirchenaustritt auf sondern rege an, dass sich AfD Sympathisanten selbst mit dieser logischen Konsequenz auseinandersetzen sollen, die sich für mich aus den radikalen und menschenfeindlichen Positionen der AfD ergibt. Wer diese Spannung aushält soll sie aushalten, ich werde vor niemanden die Kirchentür verschliessen, aber mit aller Kraft gegen die populistisch-gefährliche Ideologie der sogenannten Alternative für Deutschland meine Stimme erheben. Wie Christen in der Lage sind mit den Rattenfängern von Petra/Gauland/von Storch/Höcke zu sympathisieren ist mir schleierhaft… 
 

 5.Februar 2016

Christen und AfD=unmöglich.

Wer als Christ egal welcher Konfession mit den Rattenfängern der AfD sympathisiert und erwägt sie zu wählen soll so konsequent sein seine/ihre Kirche zu verlassen. Da ist nichts zu vereinbaren. Nichts. Christen und rechtsradikal …Never ever!!!
AfD Populisten sind verbalpopulistische Embryonalverbrecher! Und werden richtige V. wenn wir sie nicht stoppen.

 

3.Februar 2016

Talkshow Themen seit 1.1. 2016:
11x Köln, Übergriffe von “Flüchtlingen”.
Silvester.
Aber: Ox Angriffe aufFlüchtlingsheime. Bis jetzt 92 Fälle,jeden Tag…
Unfassbar.

 

25.Januar 2016

Ich dachte nie zu einem – weil parteilos/unparteiisch- “Merkelianer” zu werden. Aber was der Kanzlerin bei ihrer klaren, menschlich vorbildlichen und langfristig klugen politischen Intention jetzt aus den wie auch immer motivierten Widersachern der eigenen Partei und den durchgeknallten CSU Schützen an verhüllt-brutaler Kritik widerfährt lässt mich nur eins sagen: wenn überhaupt noch “C” in diesem Haufen, dann wegen Angela Merkel und denen, die untaktisch, ohne auf eigene Ziele zu schauen, glaubwürdig ihre wahrscheinlich historisch bedeutende Flüchtlingspolitik unterstützen. Bitte durchhalten Angela Merkel! Bitte unterstützt sie welcher Parteicoleur ihr auch angehört!!!
Deutschland hat die historische Chance mit einer freien, offenen, menschlichen Haltung – so teuer Sie uns kommt, soviel Einschränkungen sie für unser persönliches Leben bedeutet, so irrational unvernünftig es manchen erscheinen mag – schlicht zu zeigen, dass wir aus der eigenen unheilvollen Geschichte gelernt haben, und erkennen dass der Mensch Mensch ist und sich nicht primär über z.B.Nation definiert .

 

12.Januar 2016

 

wie soll ich Worte finden (zum Attentat in Istanbul)

 

wie soll ich worte finden

keines das passen will

das beschreiben kann

unser entsetzen

die trauer

den schmerz

all derer

 

die die nachricht traf

und um so mehr all derer

die es betraf

 

die mitreisenden

die passanten

die familien zuhause

 

ewiger gott

wir sind wütend

wir sind traurig

wir sind fassungslos

stumm

 

nur das ewige warum

bildet sich in unseren herzen

das unbeantwortbare

klagen wir

ohne antwort

 

die bilder schmerzen

mitten im urlaub

in guter stimmung

so sinnlos weggerissen

 

ihn frage ich

den verblendeten

verführten

skrupellosen

achtundzwanzigjährigen

 

die gesichter

ihr lächeln

ihre ahnungslosigkeit

hast du sie gesehen

bevor du ihr leben raubtest

und dein eigenes junges

 

leben

 

ich glaube nicht

du warst schon vorher

tot und leer

trotz all deiner gebete

trotz deiner fanatischen phantasien

ideologisch missbraucht

 

warum gott

lässt du ihn

und dies seinen gewähren

 

wir fragen dich heute

wo es uns näher betrifft

 

jedoch der tod hält täglich

ähnliche grausame ernte

massenhaft

die uns dann nicht so trifft

wie bei den eigenen landsleuten

 

warum eigentlich

 

gib antwort gott

zeig dich durch

menschen

 

die halten

und aushalten

die stärken

und ihre Schulter geben

 

für die vom schmerz

zerrissenen

für die von gram

gebeugten

für die von trauer

ins mark getroffenen

 

für die

die weinen um die

toten des 12.januar

für alle die hoffen

für die verletzten

 

und auch für alle

deren schmerz

der vielen anderen daten

niemand wahrnimmt

 

segne alle

die jetzt bei ihnen sind

mit ihnen aushalten

und halt und schulter geben

ganz menschlich

 

warte nicht

gott

 

wir bitten dich

 

 

 

sw 12.1.2015

 

 

Neujahr 2015
Gedanken zum Evangelium (Lk 2,16–21)

Der Name

Die Krippe von Weihnachten steht noch
und in ihrer Mitte ist der zu finden,
dem im heutigen Evangelium ein Name gegeben wird:
Jeshua, Jesus – das heißt übersetzt: Gott hilft.

In seinem Namen und mit der Hoffnung,
dass sich erfüllen mögen, was dieser Name sagt,
beenden wir das alte und beginnen wir das neue Jahr.

„Gott hilft.“
Da ist mehr Hoffnung drin als Erfahrung.
Jedenfalls von der Art, die man sich wünscht.
Und wem es geschenkt ist,
das sagen zu können, „Gott hat geholfen“,
der weiß auch,
dass es die Stunden gibt, in denen man sich nur erinnern kann,
an das, was einen mal aufgerichtet hat.
Und in denen man sich selbst sagt
oder noch besser: sich sagen lässt,
dass beides wahr ist:
das Dunkle wie das Helle.
Das Tasten nach Gott wie die Erfahrung seiner Nähe.
Die man, wenn man sie erfahren hat, hütet wie einen Schatz.
Und nach der man sich sehnt wie nach dem Licht.

Das neue Jahr wird seine guten Seiten haben
und seine schweren.
Wir werden wieder beides erleben und leben.
Wir werden jubeln, tanzen, wir werden schweigen und uns bisweilen
wieder auf dem Boden wieder finden.

Wie unterschiedlich mögen die vielen Stimmungen sein,
die uns bewegen.
Wir haben alles dabei.
Unseren Dank, unsere gespannte
und frohe Erwartung und unsere Sorgen.

An dieser Jahresschwelle legen wir die Schminke ab,
brauchen keine Bühne,
keine Ausweichmanöver,
verzichten wir darauf, mehr zu sein, als wir wirklich sind.
Gott kennt uns eh
und hält uns besser aus, als wir uns selbst.

Und dass, was wir gerne vermeiden würden:
unsere Ohnmacht zuzugeben,
ohne Verrenkung der Seele wohlgemerkt,
und ohne einen neuen großen Auftritt,
das könnte unsere Chance sein.

In meinem Arbeitszimmer hängt eine
Zeichnung von Tisa von der Schulenburg.
Einer ihrer Brüder gehörte zum Widerstand gegen Hitler
und wurde von den Nazis hingerichtet.
Tisa von der Schulenburg trat später in ein Ursulinenkloster ein
und lebte dort bis zu ihrem Tod.
Sie wurde 97.

Der sehr spät entstandenen Zeichnung
ist ein Text von Hilde Domin beigefügt,
einer ebenfalls vielfältig Gezeichneten und Versöhnten,
der Dichterin, der deutschen Jüdin mit Exil und Heimkehr.
Es ist ein Text, der mich seit Jahren begleitet.
Er heißt:

Bitte
„Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenuntergang die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.
Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen immer versehrter
und immer heiler stets von neuem zu uns selbst
entlassen werden.“ (Hilde Domin)

Dichterworte sollte man nicht zerreden.
Sie wirken da, wo sie sollen.
„… versehrter und immer heiler …
zu uns selbst entlassen zu werden …“

„Gott hilft“ heißt Jesus.
Und er ist es „… durch dessen Wunden wir geheilt“ sind.
Daran denke ich und an all das, was mir schwer,
was ich liebend gern vermieden hätte,
aber was mich auch geprägt hat.
Und was mich vielleicht ein bisschen verständnisvoller
und toleranter gemacht hat.
Die Kraft kommt manchmal aus der Ohnmacht.
Wir werden manchmal geführt, wohin wir nicht wollen.

Was taugt, ist die Bitte, dass Gott mit seinem Segen
und seiner Kraft dabei sein möge.
Und wandelt, was zu tragen ist.

Dann werden wir selbst Segen sein für andere.

Wer Scheidung in der eigenen Familie
oder im Freundeskreis erlebt hat,
wer begriffen hat, dass sich nichts wiederholt,
es für nichts Schablonen gibt
und jeder Fall seine eigene Dramatik
mit Fehlern und Verletzungen aufweist,
der spricht anders über Scheitern.

Wer selbst Opfer von Gewalt wurde,
direkt und ohne Vorwarnung,
der redet anders über Menschen,
von Therapie zu Therapie gehen,
ihr Gleichgewicht suchen.

Wer von einem Tag auf den anderen
„Umstrukturierungen“, „Effizienzsteigerung“
und personaler „Verschlankung“ zum Opfer fiel,
redet anders über „die Arbeitslosen“.

Wer sich die Mühe gemacht hat,
der Geschichte eines Flüchtlings zuzuhören,
nicht via Fernsehen, sondern direkt,
en face, Auge in Auge,
ist doppelt vorsichtig bei allen schnellen Sprüchen
über Asylmissbrauch in unseren Landen.

Barmherzigkeit ist eine Hauptvokabel im Evangelium.
Papst Franziskus wiederholt sie unermüdlich.
Sie setzt moralische Maßstäbe,
Eckpfeiler, Prinzipien nicht außer Kraft,
ist kein Freibrief für Beliebigkeit.
Aber zeigt deutlich,
dass nicht alle über einen Kamm zu scheren sind.

Vielleicht gelingt es in diesem Hl.Jahr der Barmherzigkeit
etwas mehr von Gottes Barmherzigkeit
durch das Wie des eigenen Lebens zu buchstabieren.
Vielleicht.
Allein schaffen wir es nicht.
In Gottes Namen gehen wir in das Neue.
Er selbst sei uns Rückenwind und langer Atem,
schenke uns Phantasie und Toleranz,
sei mit uns bei allen Plänen und Ideen.

Gott sei bei uns bei allem,
was schwer und was schön sein wird.
Er selbst segne unsere Wege und Umwege.
Amen.

 

Silvester 2015

Segensbitte für das kommende Jahr 2016

In Gottes Namen gehen wir in das neue Jahr. Er selbst sei uns Rückenwind und langer Atem, schenke uns Phantasie und Toleranz, sei mit uns bei allen Plänen und Ideen.

Gott, der Allmächtige lasse uns nie vergessen, wer der Herr der Welt und des Universums ist, und schütze uns vor selbst ernannten Götzen und Göttern. Er gebe uns Kraft, wenn wir uns selbst überfordern und außer Puste kommen. Er schenke uns Geduld mit uns selbst und die Größe, auch die kleinen Schritte zu achten.

Gott, der Barmherzige, kräftige alle, die mit Krankheiten kämpfen, und richte alle auf, die leiden an Leib oder Seele oder an sich selbst. Er befreie uns von allem, was uns vom Leben zurückhält. Er gebe uns ein empfindliches Gewissen, dass wir hellwach bleiben für das, was neben uns geschieht.

Gott der Ewig-Treue schütze alle, die zu uns gehören, und sei mit allen, die uns zugemutet werden, wie wir auch ihnen. Er gebe uns öfter Humor und Leichtigkeit und sei mit allen, die sich in diesem Jahr verlieben werden. Gott sei bei uns in allem, was schön und was schwer sein wird.

Er selbst behüte uns auf unseren Wegen und Umwegen.

 

Weihnachten 2015

Weihnachtsfriede

Weihnachten,
das Fest des Friedens.

Zwei Sätze finde ich dazu. Der eine:

Frieden ist:
wenn einem Kind nichts mehr beim Wort „Feind“ einfällt.

Das lese ich
und merke es mir
als Utopie und Ansporn.

Der andere Satz lässt keinen Ausweg:

„Was kann ich für den Frieden tun“, fragte jemand Franz von Sales.
Der Heilige erwiderte:
„Schlagen Sie die Tür nicht so laut zu!“

sw 2013

 

 

8.Dezember 

Heute beginnt das von Papst Franziskus ausgerufene Hl.Jahr der Barmherzigkeit, Dazu einige (ältere) Gedanken:

Sieben Werke

„Singt, aber seid, was ihr singt“,
rief Augustinus seinen
munter Osterlieder singenden Christen zu.
Lebt, was ihr glaubt,
könnte man es übersetzen.

Eine Anleitung sind die
sieben Werke der Barmherzigkeit.
In meinem Heimatdom zu Trier
ist die Kanzel damit ausgeschmückt.
Als deutliche Warnung,
es nicht nur bei schönen Worten zu belassen.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
und Schwestern getan habt,
das habt ihr mir getan.“
So steht es im Matthäusevangelium.
So wird uns Jesu Wort und Anspruch überliefert.

Die Tradition hat dies siebenfach
in den Alltag übersetzt.
Orientiert am Wort Jesu selbst.
Diese Verheißung gilt:
Wer sich dem anderen zuwendet,
der wendet sich Jesus selbst zu.

„Ich war hungrig,
und ihr habt mir zu essen gegeben“,
so sagt Jesus nach den Worten des Evangelisten.
Das ist das erste Werk,
die dringliche Aufgabe.
Seelsorge ist auch Leibsorge.
Mit Worten allein
wird niemand satt.
Die Hilfswerke der Kirchen
suchen Not zu lindern,
der Euro, den ich
in der Fußgängerzone gebe,
ist nicht immer nur für Alkohol.
Und wenn,
lieber etwas zuviel gegeben,
als einmal zu wenig.
So wie es mir möglich ist.

„Ich war durstig“,
heißt es dann,
„und ihr habt mir zu trinken gegeben“ oder:
den Durst löschen,
den das Alleinsein immer neu gebiert.
Durst ist nicht immer nur
die Abwesenheit von Wasser.
Man kann alles haben,
ohne zu leben.
Ohne davon erzählen zu können.
Die Selbstgespräche helfen nicht.
Die Nähe nur
in ihren vielen Formen.

„Ich war nackt,
und ihr habt mir Kleidung gegeben.“
Mir damit meine Würde gelassen.
Mein ganz Privates.
Sich schämen müssen ist das Schlimmste,
das Ausgezogen-Werden mit Blicken,
schutzlos Fragen ausgeliefert sein,
die man nicht stellen sollte.
Kleidung geben
heißt: schützen,
nicht alles wissen wollen,
Respekt vor Geheimnissen,
die zu öffnen nur dem,
der sie hat, zusteht.

„Ich war fremd,
und ihr habt mich aufgenommen.“
Ohne Misstrauen,
ohne Sprüche.
Wie viele bleiben
ihr Leben lang Zugereiste,
Zugezogene,
selbst wenn sie früher nur drei
Orte weiter wohnten.
Eingeborene mit Dünkel
gibt es reichlich.
Kein Wunder,
dass die wirklich Fremden,
die uns andere Kulturen bringen,
es nicht leicht haben.

„Ich war krank,
und ihr habt mich besucht.“
Einfach so,
oft wortlos,
aber ihr ward da.
Die Angst überwinden,
am Krankenbett zu sitzen,
die Ausreden nicht gelten lassen,
man könne doch nichts tun
oder man störe nur
oder später wäre vielleicht besser.
Medizin heilt,
Menschen auch.

„Ich war im Gefängnis,
und ihr seid zu mir gekommen.“
Nicht jeder schafft es
in den Besucherraum.
Oft geschieht eher das andere:
Man kennt sich nicht mehr,
mit dem haben wir nichts mehr zu tun.
Wegschließen ist leicht gesagt,
ist verständlich.
Niemand sitzt grundlos,
jedenfalls meistens.
Trotzdem:
Anders zu sprechen über die hinter Gittern,
in ihnen den Menschen erkennen
mag schwer sein,
unendlich schwer.
Jesus erlässt uns den Versuch nicht.
Ins Gefängnis gehen
kann auch heißen:
in die Löcher ohne Gitterstäbe.
In die selbstgebauten Kerker.
In die Verließe, in die man sich selbst schickt,
weil man sein größter Richter ist.
Sich nichts mehr wert ist.

Und eins noch.
Das letzte Werk,
die siebte Barmherzigkeit:
der Respekt vor den Toten.
Früher ging aus jedem Haus
einer mit zum Begräbnis.
Aus Respekt vor dem Toten,
als Zeichen für die Trauernden.
Immer öfter geht niemand mit,
regelt man das vorher.
Anonyme Bestattung,
weg ist weg.
Dein Leib war Gottes Tempel,
heißt es in der Liturgie.
Wir nehmen uns viel,
wenn wir dem Abschied ausweichen,
die Riten verabschieden,
den Tod ausblenden.
Manchmal ist es besonders schwer,
weil Dinge ungesagt blieben,
man nicht im Frieden ging
oder keine Zeit blieb.
Dann um so mehr barmherzig sein.

Die sieben Werke der Barmherzigkeit.
Anspruch und Auftrag.
Ein Paar Prozent können gelingen.
In jedem Leben.

„Jesus fällt uns täglich in die Finger“,
sagt der Künstler Ernst Alt.
Lehrt uns verwundbar sein.
Berührbar.

(aus: SW, Die Nacht wird hell wie der Tag, Echter 2014)

 

 

 

6.Dezember St.Nikolaus
Den Echten, bitte!

Barmherzigkeit

Über die Liebe predige
ich nicht allzu gern.
Das hat immer etwas Eigenartiges,
wenn sich katholische Pfarrer,
vollmundig und äußerst beredt,
und vor allem langatmig,
dieses Thema vornehmen.

Aber über eine
sehr praktische Übersetzung
dieses hohen Begriffs
spreche ich gern:
über die Barmherzigkeit.

Für mich ist es das
schönste und wichtigste
Attribut Gottes.
Gott ist barmherziger mit uns
als wir mit uns selbst.
Barmherzigkeit ist eine
Hauptvokabel im Evangelium.
Sie setzt moralische Maßstäbe,
Eckpfeiler, Prinzipien nicht außer Kraft,
ist kein Freibrief für Beliebigkeit.
Aber zeigt deutlich,
dass nicht alle über einen Kamm zu scheren sind.

Gott begleitet uns auf unseren Wegen,
und das können manchmal auch Umwege sein.

Christ werden,
das dauert das ganze Leben.
Jede und jeder versucht es,
egal welcher gesellschaftlichen Gruppe
sie angehören,
welchen sozialen Status sie haben,
ob sie in Familie leben,
allein oder in anderer
verantwortungsbewusster Partnerschaft.
Egal in welcher Partei sie sich
zu ihrem Christsein bekennen.

Mit Recht fordern Christen aller Konfessionen
immer wieder deutlich den Schutz
von Ehe und Familie.
Ebenso aber möchte ich nicht auf die verzichten,
die dabei durch diese oft sehr eng
geknüpften Maschen fallen.

Menschen, die von außen besehen die Norm erfüllen,
sind für mich noch nicht per se
Garanten für moralische Glaubwürdigkeit.
Das können sie sein.
Müssen sie aber nicht.
Gauner gibt es unter Familienvätern
genauso wie bei Alleinerziehenden.
Großartige Persönlichkeiten bei Schwulen
genauso wie bei Menschen,
die bewusst allein leben.
Und genauso umgekehrt.

Jesu Jüngerwelt war schon damals bunter,
als wir es heute wahrhaben wollen.

„Liebe, und dann tue, was du willst“ ‒
der Satz stammt nicht von der Berliner Loveparade,
sondern vom Kirchenvater Augustinus.
Lieben kann schon mal damit anfangen,
wenn man Respekt vor anderen Lebensweisen hat,
ohne sie selbst zu leben.
Wenn man die Sehnsucht von Menschen achtet,
so lieben zu dürfen, wie sie sind.
Und wenn man barmherzig mit Scheitern umgeht.
Keine Frage: der Nikolaus kommt aus dem Saarland! Jedenfalls könnte man das meinen, wenn man das jährliche Treiben im Ort Sankt Nikolaus bei Saarbrücken erlebt. Hier kommt in diesen Tagen viel Post an, für den berühmten heiligen Mann, oft mit dem Vermerk „persönlich“, so als würde er selbst hier wohnen.
St. Nikolaus ist und bleibt einer der beliebtesten Heiligen und ist heute wie jedes Jahr: der Mann des Tages. Ganz besonders natürlich in dem Ort, der mit Stolz seinen Namen trägt. Hier gibt es ihn im traditionellen Outfit: im Bischofsgewand, mit Mitra und Stab, nicht im roten Mantel mit Zipfelmütze. Die säkularisierte Ausgabe, das Logo der Wintergeschäfte, ist hier nicht angesagt.
„Bitte schaffe den Weihnachtsmann ab. Der nervt schon seit September,“ schreibt der kleine Andreas an den Nikolaus. „Wir mögen nur den echten Bischof aus Myra. Wenn Du am Nikolausabend kommst, spiel ich mit meiner Gitarre und übe ein Gedicht. Bis bald. Andreas aus der schönen Eifel.“
Nur einer von tausenden von Briefen, die im Postamt St. Nikolaus eingehen. Alle werden beantwortet, selbstverständlich vom Nikolaus „höchstpersönlich“ und alle bekommen einen Sonderstempel. Aber nicht nur Kinder schreiben: „…auch wenn ich angeblich schon aus dem Alter herausgewachsen bin, aber an manche Dinge zu glauben, die zu einer bestimmten Zeit gehören, ist doch einfach schön.“
St. Nikolaus, schon der Name löst bei vielen Menschen Erinnerungen aus. Sehnsüchte nach einer heilen Welt, Kinderträume, Ausflüge in die Phantasie mit einer großen Portion Leichtigkeit. Das darf alles sein, das ist gut so, ein Gegengewicht gegen manche Alltagsschwere.
St. Nikolaus ist aber mehr als das. Seine Menschenliebe bleibt Vorbild, fordert heraus, stellt schlicht die Frage, wie wir miteinander umgehen, an was wir klammern, wie freigiebig wir sind, wie menschlich wir leben.
Es ist die immergleiche Provokation der Heiligen Gottes. Unbequem, ja, aber notwendig. In je unterschiedlichen Facetten. In der Vielfalt ihrer Leben. Mit und ohne Rauschebart
5. Dezember (Nikolausabend)

…nicht nur Kinderaugen

Kurz vor dem Abitur hatte ich einen Bart.
Einen sehr langen und schlohweißen.
Natürlich nicht echt.
Wir älteren Schüler hatten einen
Familien-Nikolaus-Service organisiert.
Mit entsprechender Dienstkleidung
aus der Kirche waren wir
mit alten Messgewändern
prächtig ausstaffiert.
Mit Bischofsmitren aus Pappe
und selbst gemachten Hirtenstäben,
zogen wir zu den Familien.
Was wir an Geld bekamen,
ging in ein Hilfsprojekt.

Einen Besuch werde ich wohl nie vergessen.
Es war bei irgendeinem hohen Beamten
aus einem Ministerium.
Damals waren ja noch alle in Bonn.
Dieser Herr empfing mich an der Tür,
führte mich in den Flur
und erteilte mir weitschweifig
detaillierte Regieanweisungen
für meinen bevorstehenden Auftritt.
Ich wurde auf die Geschenke hingewiesen:
„… dies ist für meine Tochter Anna,
das für den Sohn Thomas,
dies für meine Gattin, und das hier“,
jetzt strahlte er über beide Backen,
„das hier ist für mich.“
Sprach’s und verschwand
im Wohnzimmer,
nicht ohne mir einzuschärfen,
auch ja drei Mal an die Tür zu klopfen
und das Glöckchen zu läuten!

Ich holte tief Luft, bimmelte
und trat ins Zimmer.
Was ich sah, hätte ich gern fotografiert:
Auf dem Sofa saß die erwähnte Gattin
und versuchte, ein etwa
anderthalbjähriges Kind, Thomas,
mit allen Mutterkünsten zu beruhigen.
Der Kleine schrie nach Leibeskräften,
und mein Anblick hatte alles andere
als eine beruhigende Wirkung!
Die Mutter war vollauf beschäftigt.
Ich hielt nach dem anderen Kind
Ausschau und entdeckte Anna
in einer wunderbar geschnitzten Wiege.
Anna war höchstens drei Monate alt
und am hohen Besuch
nicht im Mindesten interessiert.

Mittendrin aber saß Vater,
mit leuchtenden Augen,
empfing sein Geschenk und
den von ihm selbst
vorformulierten Spruch.
Als er zu singen anfing,
suchte ich das Weite.
Höflich, versteht sich.

Es sind halt nicht nur
Kinderaugen die leuchten,
in diesen besinnlichen Tagen.

 

 

4.Dezember

zum 4.Dezember 2015 Entscheidung des Bundestages

 

…und wieder

so weit
und so nah

golfkrieg
der wunsch
das übel
zu besiegen

doch

so undurchdacht
so undurchdacht

 

tornados gegen
das unfassbare übel

doch wer hat es entfacht?

nicht der
erst dann
bestalisch geborene IS

…wie
immer in der geschichte
die aktivisten
zielen gehorchend
den gesetzten
nur nicht
den eigenen

nein
ich will nicht
trauern müssen
über
gefallende soldaten

zuviel trauern
ist jetzt schon
über
gestrandet verzweifelte
hilflos suchenende
namenslos verscharrte

 

 2.Dezember 2015

SWR 3 informiert diese Woche in vielen Facetten über die Krankheit Depression. Gut so, sage ich nicht nur SWR Rundfunkrat, der solche Aktionen absolut wichtig findet, sondern vor allem, ja vor allem als Betroffener, der bis dato diese Krankheit überlebt hat. Chapeau SWR das Thema anzugehen…vielleicht hilft es Menschen, die im Stillen an sich wahnsinnig werden, sich zur Krankheit zu bekennen. Auch wenn die Akzeptanz bei manch netten Worten immer noch miserabel ist…

SWR3 Report: Depressionen | SWR3.de

SWR3 Report: Depressionen Wir informieren über die Krankheit Depressionen.
SWR3.DE|VON SWR3.ONLINE (INFO@SWR3.DE

 

1. Dezember 2015

 (Weltaidstag)

Es ist, als würde das World Trade Center
täglich zwei Mal einstürzen.
Jeden Tag sterben in Afrika
6.000 Menschen an Aids.
Jeden Tag.

Ist bei uns die Zahl von
70.000 HIV-Positiven
schon schlimm genug,
so übersteigt die Zahl
weltweit jegliche Vorstellungskraft:
Es sind 37 Millionen!

Doch wen interessiert das?

Zu dumm, dass es das Fernsehen gibt,
die Bilder, die Berichte in den Medien.
Sonst wären wir glücklich ahnungslos.
Aber wir wissen darum.
Das Medienzeitalter überwindet Grenzen.

Deshalb bauen wir selbst welche auf,
um uns zu schützen,
um in Ruhe gelassen zu werden.

Es reicht mit dem Elend.
Zapp es einfach weg.
Ablenkung gibt es genug.

„Gleichgültigkeit und Desinteresse
am Leid anderer
sind die ersten Formen der Gewalt.“
Ein harter Satz von Mahatma Gandhi.

Ähnliches sagt das Evangelium.
Da gibt es die Geschichte vom
barmherzigen Samariter, der einem Überfallenen
zu Hilfe kommt, ihn versorgt.
Ein Fremder hilft einen ihm Fremden.
Vorher sind zwei angesehene Männer
seiner eigenen Religion am hilflosen Opfer vorbeigezogen:
Augen zu und weg.

War da was?

Wir wehren uns schon gegen Unrecht.
Wir gehen schon auf die Straße.
Demonstrationen, Proteste, Kundgebungen
sind uns vertraut.
Besonders, wenn es um uns geht.

Aber wo ist der Aufschrei, wo die Demo,
wo sind die Gedenkkundgebungen
für die 6.000 Tagesopfer
der Seuche Aids in Afrika?

Aids ist eine Seuche,
wie Pest und Cholera.
Mit unschuldigen Opfern.
Aids ist eine Krankheit wie andere auch.

So ganz klar ist das
bei uns immer noch nicht.
Vorurteile nisten noch immer in
manchen Köpfen.
So lange ist es noch nicht,
da habe ich einen HIV Kranken bis zum Schluss begleitet
und dann bei der Beerdigung den Todesgrund verschwiegen.
Auf inständige Bitte der Familie.
Man wollte weiterleben, dort wo man lebte.

Diese Angst ist weniger geworden,
verschwunden ist sie nicht.
Es gibt seriösere Krankheiten als Aids.

Aber es kann geholfen werden.
Mit unserem medizinischen Standard
kann man bei uns die Krankheit
immer besser in Schach halten,
ihren Ausbruch verhindern.
In Afrika sieht das noch anders aus.
Von den 37 Millionen Infizierten
entfallen davon 70% auf Afrika südlich
der Sahara.

Wir leben nicht auf der Insel der Seligen,
wir haben viele Probleme im eigenen Land.
aber im Vergleich zu dem was in Afrika passiert
geht es uns verdammt gut.

„Gleichgültigkeit und Desinteresse
am Leid anderer sind die ersten Formen der Gewalt.“
So Gandhi.

Das muss nicht sein.
Information ist der erste Schritt.
Man surft täglich zu allen möglichen Websites,
es kann auch einmal diese sein:
www.aids-kampagne.de
Infos gibt es dort genug.
Unterschriftenlisten und Kontonummern,
Hinweise auf Hilfsmöglichkeiten.

Wenn wir alles tun,
um die Krankheit zu besiegen,
menschlich und ohne moralische Scheingefechte,
werden wir später nicht die bohrende Frage
derer hören müssen,
die nach uns kommen:

Habt ihr das alles
wirklich nicht gewusst?

 

29.November 2015

harmlos 

ein kerzlein brennt…
kennen wir doch,
ist doch so was von schön
und so wunderbar harmlos

augen zu,
lammetta drüber,
adventskränze
haben ihre mahnung verloren
sind nur noch
grünrotgolden schön

auf was warten wir
besser warum tun wir so
als würden wir warten

auf die drei
auf familie josefjesusmaria plus x
warten wir wirklich auf die

flüchtlingsfamilie

sie passt doch nicht
in unser holzgeschnitztes krippenmärchen
mit mit ochs und esel
hirten, schafen und jubilierenden engel
unsere lebkuchenbetäubung

ist doch viel schöner so
ein weich gekochtes evangelium
unter unseren tannenbäumen
zu naschen

und auszuweichen
der frage

warum
warum
wurde gott
mensch
uneingeladen

warum
warum

fragezeichen

schlechtes gewissen
fehlplanung mensch
angst vor kontrollverlust

fragezeichen

nein

die antwort
zeigt sich dem
der wirklich

wartet

 

28.November 2015

AdventsGebet

Deine Botschaft, Herr, überwindet alle Grenzen.  Dein Stern gibt die Richtung an.

Du führst mich aus meiner Enge ins Weite, brichst meine Zelte ab, lockst mich und verführst mich zum Leben, wie Du es verstehst.

Ich bin dir kostbarer als alles, was ich dir geben könnte. Mein Weihrauch verflüchtigt sich vor dir, meine Kerzen überstrahlst du mit deinem Licht, kein Gold, kein Edelstein wiegt deine Güte auf.

Du kennst mich besser als ich mich selbst und trotzdem bleibst du und hältst mich aus. Auch wenn du mir Wüsten nicht ersparst, nicht dein hartnäckiges Schweigen, und auch nicht mein Ringen und Zweifeln.
Meine Schritte lenkst Du nicht lässt mein Stolpern zu, meine Umwege. Du gibst mir Freiheit. Auch die zu scheitern.
Du meinst es ernst.

Deine Wegweiser sind nicht plakativ, nicht aufdringlich und doch gut zu erkennen, wenn ich denn will. Es sind so viele.

Sie zu finden liegt an mir, besonders in dieser Zeit hin zum großen Fest deiner Geburt im Menschen, Dein unübersehbares Zeichen.

Nichts trennt mehr Botschaft und Bote, mehr als alle bemühten Propheten wolltest du leben, was Du seit jeher verkündest.
Du bist Dein Wort. Von Krippe bis Kreuz.

Stärke mich und verlass mich nicht. Erinnere mich immer wieder an dein Weisungen, deine heilende Tat, deine geheimnisvolle Nähe.

Halte durch, Gott. Mit mir, auf dem Weg, der der meinige ist.

 

21./22.November  (ChristkönigSonntag)

Segensbitte am Ende des Kirchenjahres

Wieder ist ein Jahr vergangen, Herr.
Wo bleibt die Zeit?
Der neue Advent steht vor der Tür.
Das alte Kirchenjahr neigt sich dem Ende.

Unser Silvester kennt keine Raketen,
keine Kracher und Leuchtfeuer,
Sektgläser brauchen wir nicht.

Wir haben uns versammelt,
wie immer, wie jeden Sonntag.
Haben uns um unseren König geschart,
der keine Krone braucht.

Den kein Auge sieht,
den kein Ohr hört,
den nur das Herz erkennt.

Jesus Christus,
Du bist uns Bruder,
Hirte und König,
Heiland und Erlöser.

Sieh auf alles was jetzt zurückliegt,
auf das was gelungen ist
und auf das was unvollendet blieb.
Sieh wie wir versucht haben
nach Deinem Wort und Beispiel zu leben.
Sieh mit deinen Augen unser Scheitern,
und sein barmherziger mit uns,
als wir es untereinander sind.

Bewahre uns vor aller Verhärtung
und Zukunftsangst,
wirf Glauben vom Himmel,
dass unsere Knie gestärkt werden,
unsere Hände das Gute tun,
und unsere Gesichter von der Hoffnung sprechen,
mit der Du uns erfüllst.

Segne was vergangen ist
und segne was vor uns liegt.
Behüte uns und fordere uns
immer wieder heraus.

Mach uns zu Menschen.
Oder besser:
lass uns zeigen,
dass wir welche sind.
Herr, bleibe bei uns.
Jetzt und alle Zeit,
die uns gegeben ist.

 

20. November 

…aber mich

gott ich bitte dich

um nichts
hat eh keinen sinn

du weckst die
toten des dreizehnten november
und die tausende
für die kein lichtspektakel
verwundet trauert

nicht auf

keine lazarusnummer
keine tochter aus nain
zu schön deine geschichten
gerne gehört

und wieder vergessen
eben zu schön

herr ich bitte dich
um nichts

aber mich
aber mich
aber mich

fordere ich
zu tun was möglich ist

die augen
nicht zu verschliessen
die ohren
nicht zu betäuben
die arme
nicht zu verschränken
den mund
nicht zu halten

wenn

missbrauchte angst
vergiftetes wort
und tödlicher hass

den boden bereiten
für gräber
ohne lazaruseffekt

und keine hand
das tote kind
ins frische leben
zurückholt

ich fordere mich
und fordere dich
und bitte dich

gott
dann doch

dass ich
dass du
dass wir

uns fordern
um zu erhalten
die welt

in freiheit

dein schönstes
gefährlichstes
und gottmutigstes
geschenk
entlässt uns nicht

dich tatenlos
bequem nur
zu bitten

 

19. November

Hier erst recht…: Kommentarfasten.

Antoine Leiris, französischer Radiojournalist, hat in der grausamen Pariser TerrorNacht seine Frau verloren. Sein offener Brief an die Mörderbande IS ist tief bewegend, von einer fast unglaublichen Größe, unsagbar wichtig  :

“Ihr bekommt meinen Hass nicht.

Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.

Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.

Ich habe sie heute morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schön wie damals, als ich mich vor mehr als zwölf Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet.

Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.”

(vorläufige Übersetzung SZ, München)

Hier das französische Original:

“Vous n’aurez pas ma haine”
Vendredi soir vous avez volé la vie d’un être d’exception, l’amour de ma vie, la mère de mon fils mais vous n’aurez pas ma haine. Je ne sais pas qui vous êtes et je ne veux pas le savoir, vous êtes des âmes mortes. Si ce Dieu pour lequel vous tuez aveuglément nous a fait à son image, chaque balle dans le corps de ma femme aura été une blessure dans son coeur.
Alors non je ne vous ferai pas ce cadeau de vous haïr. Vous l’avez bien cherché pourtant mais répondre à la haine par la colère ce serait céder à la même ignorance qui a fait de vous ce que vous êtes. Vous voulez que j’ai peur, que je regarde mes concitoyens avec un oeil méfiant, que je sacrifie ma liberté pour la sécurité. Perdu. Même joueur joue encore.
Je l’ai vue ce matin. Enfin, après des nuits et des jours d’attente. Elle était aussi belle que lorsqu’elle est partie ce vendredi soir, aussi belle que lorsque j’en suis tombé éperdument amoureux il y a plus de 12 ans. Bien sûr je suis dévasté par le chagrin, je vous concède cette petite victoire, mais elle sera de courte durée. Je sais qu’elle nous accompagnera chaque jour et que nous nous retrouverons dans ce paradis des âmes libres auquel vous n’aurez jamais accès.
Nous sommes deux, mon fils et moi, mais nous sommes plus fort que toutes les armées du monde. Je n’ai d’ailleurs pas plus de temps à vous consacrer, je dois rejoindre Melvil qui se réveille de sa sieste. Il a 17 mois à peine, il va manger son goûter comme tous les jours, puis nous allons jouer comme tous les jours et toute sa vie ce petit garçon vous fera l’affront d’être heureux et libre. Car non, vous n’aurez pas sa haine non plus.

hier auch das Video:
http://www.bbc.com/news/world-europe-34862437
 
 
18.November

kommentarfasten (1)

in die tasten zu hauen

mit promptem kommentar
unreifen gedanken
schnell gezückten spitzen

profunden halbwissen

ist gar nicht schwer
geht leicht von der hand
nicht selten jedenfalls

manches wort würde
nie fallen
manche attacke
nie ausgeführt
manches bedauern danach
nicht nötig

wenn

en face
klar und direkt
kontrovers aber fair

die Worte bedacht würden
mit blick in die augen

sw

 

17.November

Wider das Misstrauen (2)

Nur weil sie arabisch aussahen,
wollte niemand mit ihnen fliegen.

Die Passagiere einer amerikanischen
Airline weigerten sich
die Maschine zu betreten,
wenn diese „Verdächtigen“ mitfliegen würden.

Kein gutes Zureden half,
die Fluggesellschaft gab nach,
die beiden wurden umgebucht.

Sie hatten amerikanische Pässe,
lebten seit Jahren im Land,
verstanden die Welt nicht mehr.

Ich lese das in der Zeitung,
erschrecke und denke mir,
wie groß muss die Angst sein.

Nach allem, was passiert ist.

Dann ärgere ich mich
über die Intoleranz,
die Bestrafung Unschuldiger,
die neuen Schablonen.

Die neue Apartheid.

Wieso macht man es sich so einfach,
nicht jeder Muslim ist ein Araber,
nicht jeder Araber ist ein Muslim,
nicht jeder Muslim ist radikal,
erst recht nicht jeder ein Terrorist.

Ich schüttle den Kopf
und lege die Zeitung beiseite.

Später in der Straßenbahn
ertappe ich mich.

Drei arabisch aussehende
Männer unterhalten sich,
ich muss immer wieder hinschauen.
Was bereden die?,
denke ich.

Immer wieder schaue ich hin.
Hätte ich früher nie gemacht.

Als mir aufgeht, was ich da tue,
erschrecke ich
noch mehr als zu Hause.

So etwas kenne ich nicht von mir,
so schnell geht das also?!
Ich werde kleinlauter.
Eben noch habe ich über
andere den Kopf geschüttelt,
jetzt könnte ich es über mich selber,
jetzt kann ich es über mich selber.

Licht oder Dunkel,
Vertrauen oder Misstrauen,
Optimismus oder Resignation.

Als Mensch habe ich die Wahl,
zu welchem Pol ich mich hinziehen lasse.

„Der Tod lauert“,
schreibt der arabische Dichter
Abdoulatiff Jaabi,
aber:
“Das Leben auch“.

sw

(aus: S.W., Die Nacht wird hell wie der Tag, Echter 2014)

 

15.11.2015

Die neueste Buch-Rezension meiner Schwester in der Frankfurter Rundschau:
“Wo die Heimat haust”. Der neue Roman von Henning Ahrens: “Glanz und Gloria”
http://www.fr-online.de/…/henning-ahrens—glantz-und-glori…

 14. November 2015

nein

nein
dass gottfried benn
(der alles andere wünschte)
verbittert recht behält:
„die krone der schöpfung,
das schwein,
der mensch“

nein
zu allen, die
sich muslime nennen
und gefühllos-grausam sind
wie manch christlich getaufter
Verbrecher

nein
nein zu jedem missbrauch
von religion
nein zum hass
der kinder erschiesst

nein zum gedankensprengstoff
der grundlos verdächtigt
alle verzweifelten
die sich verraten fühlen
in ihrem glauben
die geflohen sind
vor den bestien
die alles verraten
was ihnen kostbar ist

nein zu allen
die in Gedanken
halbmonde nähen
an kleider
wie damals die j-sterne

nein
nein
nein

und nein zu allen
rattenfängern
und ihren ratten
die aus ihren löchern
hässlich jubelnd kriechen
und futter wittern
afd-pegida geil

nein
und nochmals
und nochmals nein
nein
zur resignation
zum wegschauen
zum später
„das wussten wir doch nicht“

nein
nein
nein

und ja
und ja
und nochmal ja

zu allen
die sich nicht weigern
ihr rückgrat zu spüren…

bei allem schmerz

sw

 

8.November 2015

Traum 

Auch ich hab einen Traum…

und träume, dass in naher Zukunft die Menschen sich als ein Volk verstehen, und unter sich den Raum verteilen wo sie menschenwürdig leben können und alle, die dies immer verhindern wollten keine Macht mehr haben.

Ich träume, dass die Bankenwelt ihren Dienstleistungsauftrag wiederkennt und ihre Macht – und Selbstsuchtspiele auf immer verabschiedet.

Ich träume, dass in keinem Land der Welt je wieder die Todesstrafe vollstreckt wird und der Wert vor jedem Leben, auch vor dem schuldig Gewordenen, geachtet wird.

Ich träume, dass jedem Menschen Respekt erwiesen wird, egal welcher Nation, welcher Religion oder Konfession, welcher sexuellen Orientierung er sich zugehörig fühlt, die ihm angeboren ist. Auch denen, die sich im falschen Körper erleben mussten.

Ich träume, dass billige Vorurteile durch Interesse am Fremden ersetzt werden und dadurch nicht Belastung sondern Bereicherung erfahren wird.

Ich träume, dass Menschen in verantwortliche Positionen gelangen ohne sich vorher das Rückgrad durch langjährige Partei-Ochsentouren langfristig zu verbiegen.

Ich träume, dass allen denen finanziell mehr gegeben ist oder die das durch eigene Leistung erworben haben, dies noch mehr als Chance und Auftrag erkennen um Leid zu mildern.

Und ich träume auch, dass meine heimatliche Kirche mit ihren Positionen nicht immer hinter all diesem hinterläuft sondern voran, den Menschen zuliebe, den Weg weist.

Ich träume davon, dass wir getrennten Christen mit Blick auf die reale Welt und besonders auch auf die Unendlichkeit des Alls und damit der göttlichen Schöpfung unsere peinlichen, unverständlichen, kleinlichen Grabenkriege vergessen und Schulter an Schulter Christi Botschaft verkünden.

Ich träume, dass jeder Christ und jede Christin jeden morgen wach wird und dankbar vor Gott und stolz zugleich, glauben zu dürfen im Respekt vor denen, die das nicht oder noch nicht können oder nicht mehr können

Ich träume von menschlichen Menschen…

 

Trier, 31.Juli 2015
Mal wieder  ein Sendehinweis, weil mir Marie Noel so am Herzen liegt:
Deutschlandradio Kultur Sonntag 02.08.2015, 07:05 Uhr
Feiertag – “Der erloschene Himmel
Marie Noel und die Nacht des Glaubens”
Von Monsignore Stephan Wahl
In Deutschland fast unbekannt gehört Marie Noel (1883-1967) im französischen Sprachraum mit ihrer Lyrik zu den bedeutenden Dichterinnen des 20.Jahrhunderts. Ihre Tagebücher sind bewegende Zeugnisse ihrer leidenschaftlichen Suche nach der Wahrheit und ihr Ringen um Gott. In poetischer Dichte und berührenden Bildern zeigen sie den schonungslos ehrlichen Glaubensweg einer Frau, die sich nicht mit einfachen und schnellen Antworten zufrieden gibt und die Kraft des Glaubens ebenso erlebt wie die dunkle Glaubensnacht, in der „der Himmel erlischt“.
7.05 ist natürlich ziemlich früh, aber man kann die Sendung zum späteren Zeitpunkt unter http://www.deutschlandradiokultur.de/feiertag.1123.de.html  in aller Ruhe nachhören.
Ein schönes WE und gesegneten Sonntag!
Stephan Wahl

 

Trier, 25.Juli 2015

Hinweis in eigener Sache: Sonntag,26.Juli ca.9.15 Uhr, SWR 1 “Begegnungen” Ich treffe Cornelia Hoffmann-Bethscheider. Landrätin (SPD) und Synodale bei unserer Bistumssynode

 

 Trier, 4. Juli 2015

Programmtip für morgen in eigener Sache: 10.04 SR 2 Kulturradio : “Keiner ist eine Insel”. In der Sendung beschäftige ich mich mit dem Trappisten und Schriftsteller Thomas Merton, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Co-Sprecherin Katharina Bihler, Musik: Bernhard Leonardy

 

 

 

 

Trier, 1.Juli 2015

die bitte

 

wenn es kalt

sagen wir

es ist zu kalt

wäre es doch wärmer

 

wenn es warm ist

sagen wir

es ist zu warm

wäre es doch kühler

 

wirst du nicht irre

gott

an uns

und unseren bitten

 

nie zufrieden

mit dem was ist

immer die sehnsucht

nach dem was sein könnte

 

bei so vielem

nicht nur beim wetter

heute wollen wir dies

morgen genau das gegenteil

 

hör einfach nicht hin

ewiger

entspann dich

und sammle deine kraft

 

zu viele echte klagen sind

in deiner unserer welt

zu viele schreie

hör ihnen zu

 

und hilf

uns wach zu bleiben

um zu helfen

wo es uns möglich ist

 

diese bitte

erfüll uns

warte nicht

wir bitten dich

 

sw

 

 

 

Trier, 23.Juni 2015

aus: Trierischer Volksfreund, Samstag 20.Juni 2015

 

Trier, 14.Juni 2015

 

Gebet eines Ungeduldigen

 

Nein, ich bin nicht so geduldig

wie Du Gott oder andere,

die gleichmütig bleiben

auch wenn der Boden

unter ihnen wankt.

 

Schon im Kleinen nicht:

ich könnte aus der Haut fahren

in der Schlange vor der Kasse

am Supermarkt,

wenn jemand umständlich

nach seinem Geldbeutel sucht,

die PIN falsch eingibt,

das Obst nicht abgewogen hat

oder zum fröhlichen Plausch mit

der Kassiererin ansetzt.

 

Oder wenn alles Hupen nichts nützt

um dem Fahrer vor mir an der Ampel

klar zu machen, dass Rot vorbei ist

und Grün weiterfahren bedeutet.

Ganz und gar nicht nette Gefühle

spüre ich dann.

 

Ganz großartig auch wenn man

nach schlechten Erfahrungen

mit der unpünktlichen Bahn

dann doch das Auto nimmt

und sich nach sechs Baustellen

im finalen Stop-and-Go-Stau

der siebten wiederfindet.

 

Nein, ich bin nicht geduldig.

Jedenfalls nicht immer.

 

Gewiss Temperamentssache,

Familiengene, man ist wie man ist,

sich selbst aushalten

ist nicht immer leicht.

Und doch wünsche ich mir Gelassenheit,

wenigstens etwas davon,

um Dinge, die ich nicht ändern kann,

hinzunehmen, auch wenn es schwer fällt,

erst durchzuatmen bevor ich poltere,

leichter, langsamer, nachsichtiger zu

sein oder zu werden.

Das Gegenteil kann ich schon…

 

Lass mich geduldiger sein,

Gott, der Du selbst Geduld

hast im Übermass

und auch wahrhaftig brauchst

mit Blick auf Deine nur selten

ganz geglückten Ebenbilder.

 

Und schenk mir Geduld

beim geduldiger werden,

das ich nicht plötzliche Heilung erwarte,

mich nicht überfordere,

vielleicht erstmal über mich

schmunzeln vielleicht sogar lachen lerne,

nach dem nächsten genervten

“Das-darf-doch-nicht-wahr-sein-Seufzer”,

der mir so schnell oft verärgert entfährt.

 

Hab Du Geduld mit mir,

wie ich mit anderen

und sie mit mir.

 

Amen.

 

Trier, 13.Juni 2015

Morgen auf SWR 1 gegen 9.15 Uhr : Begegnungen

Stephan Wahl trifft Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle SJ

siehe: http://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&sendung=2

 

 

Trier, 20. Mai 2015 

pfingstsegen

wie ein sturm
soll gottes kraft dich erfüllen

wie ein feuer
soll gottes leidenschaft in dir brennen

wie ein windhauch
soll gottes liebe dich sanft berühren

um die schwachen zu stärken
um die müden aufzuwecken
um die verhärteten zu befreien

mit gottes rückenwind
und segen

dort wo du bist
dort wo du sein wirst

stephan wahl

 

Trier, den 18.Mai 2015

Gestern auf SWR 1: Meine ” SWR 1-Begegnung” mit Jürgen Trittin

http://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&sendung=2

 

Trier, 10/11.Mai 2015

Just for info:
Mo, 11.5. überträgt der SR via Livestream und “Antenne Saar” ab 12.00 Uhr aus der Saarbrücker Kongresshalle die offizielle Trauerfeier für “Mr. Sportschau”, den langjährigen ARD- und SR-Sportmoderator Werner Zimmer. Familie und SR haben mich gebeten die Trauerfeier zu begleiten. Die Beisetzung habe ich vor zwei Wochen im engsten Kreis gehalten. Mich bewegt das sehr…

 

Trier, 10.Mai 2015

schwellenangst

wer hebt mich

über die

verwurzelte

anerzogene

ungewollte

 

angst vor dem fremden

 

wer bewahrt mich

vor leichtfertigen Sprüchen

stammtischweisheiten

intoleranten pöbeleien

und

 

angst vor dem fremden

 

wer zeigt mir

den schatz fremder kulturen

ihren glanz und ihr elend

schlägt brücken statt

 

angst vor dem fremden

 

wer sammelt ein unsere pässe

unseres eitles nationaldenken

unser “das boot ist voll” lügen

unsere reich-egoistische

 

angst vor dem fremden

 

frag die wirtschaftsflüchtlinge

des 19.jahrhundert,

keinen anderen ausweg sehend,

frag die eifeler, trierer, hunsrücker

auf ihren damals bitteren abschied ins ungewisse

nicht wissend was übertrieben gepriesen

amerika wirklich sein würde

waren sie

 

anderen jetzt fremd

mit gleicher angst

waren sie das?

 

doch sie blieben

gerne

akzeptiert

 

die perspektive ändern

die geschichte befragen

stört leichtfertige sprüche

 

“bleibt in meiner liebe”

hiess es evangelium

 

genau so

genau so

 

 

 

 

Trier, 11.März 2015

 

fastenzeit

keine große worte

keine riesenvorsätze

die ich doch brechen muss

weil ich mich kenne

 

nur das:

stehen bleiben

für einen augenblick

für mehr als einen

den spalt ansehen

ohne scheu

 

zwischen mir

und dem

der ich sein soll

der ich sein kann

der ich sein will

 

mir selbst brücken schlagen

behutsam

ohne gewalt

mich finden

aus der zerissen-sein

wieder vor gott

in mir selbst ruhen

 

erst dann

erst dann

weitergehen

 

Trier, am 10.März 2015

 

Fasten heißt verzichten.

Zum Beispiel auf Selbstüberforderung.

 

Dazu ein Zitat des Theologen Hans Urs von Balthasar:

„Selig sind nicht die Auf-und Abgeklärten,

denen ihr erhabenes Licht genügt…

sondern selig die Umgetriebenen,

die Aufgescheuchten,

die täglich neu vor meinen Rätseln stehen

und sie nicht lösen können.“

 

Der diese Worte Gott in den Mund legt,

hatte etwas von Gott und den Menschen kapiert.

Mir gefällt das, und mich beruhigt diese Seligpreisung.

Dann habe ich auch eine Chance.

Denn bei mir ist noch lange nicht alles klar,

was den Glauben angeht.

Da kann ich noch so viel Theologie studiert haben.

Gott bleibt ein Geheimnis,

dem ich mich nähern kann,

aber mit dem ich nie fertig werde.

 

Rätsel gibt es genug.

Niemand, erst recht nicht Gott,

verlangt von mir,

dass ich im Glauben alles auf die Reihe kriege.

Zu viele große und kleine Katastrophen

gibt es immer wieder und dann die Frage:

Wo ist Gott? Gibt es ihn wirklich?

Und wo geht diese Lebensreise

mit mir irgendwann hin?

 

Aber dieses Fragen gehört dazu.

Ein Glaube, bei dem man keine Fragen mehr stellt,

keinen Zweifel mehr kennt,

ist kein Glaube, sondern felsenfestes Wissen.

Wem das geschenkt ist, alle Achtung.

Da kann ich nur bei allem Respekt neidisch werden.

Ich habe dieses Wissen nicht.

Und ich bin sicher nicht der einzige.

 

Die ganze Bibel ist voll mit Gestalten,

die im Auf und Ab ihres Lebens

auch ihre Probleme mit dem

geheimnisvollen Gott haben.

Das gehört zu einer lebendigen Beziehung.

 

Ich bin sicher, Gott weiß darum.

Die Gesellschaft, die Jesus um sich scharte,

war ein entsprechend bunter Haufen Menschen

mit allem Drum und Dran,

mit ganz gewöhnlichen Alltagen,

mit schwachen und starken Momenten.

Mit Glauben und Zweifel.

 

Das kann ich mir auch

immer wieder sagen:

Gott kennt mich besser

als ich mich selbst; und:

Er hält mich aus.

 

So wie vor rund 900 Jahren

die heilige Hildegard von Bingen

an einen ängstlich-frommen Kirchenmann schrieb:

 

„Fürchte dich nicht,

Gott sucht nicht immerzu Himmlisches in dir.“

 

Na Gott sei Dank!

 

Trier, am 27.Januar 2015

70 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz. Gedenkfeiern. Die Zeitzeugen werden weniger, sagt Prof.Peter Steinbach, Leiter der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte, jetzt müssen die Zeitzeugen, die die Zeitzeugen kannten, die Erinnerung weitergeben.

Das erinnert mich an das “Weitertragen” durch die Schwestern von Willi Graf (Weisse Rose) Mathilde Baez und Annemarie Knoop-Graf, an den israelischen Künstler Jacob Pins, der seine Eltern in Riga verlor und mir soviel erzählte, an den Kreuznacher Maler Eli Schwarz, der nach Jerusalem auswanderte und nach allem Schrecken als Jude immer noch Wagner hörte. Ich habe sie alle lange und intensiv kennenlernen dürfen. Jetzt ist mein kleiner Teil des Weitertragens angesagt. Mit vielen anderen.

 

Trier, am 26.Januar 2015

Der Verein “Für ein buntes Trier, gemeinsam gegen Rechts” kündigt für den 26. Januar eine Demonstration unter dem Motto “Trier für Alle” an. Die Demo soll um 18.30 Uhr mit einer Kundgebung am Bürgerhaus Trier-Nord beginnen. Kann nur herzlich einladen mit dabei zu sein. Ich gehe hin!
 

 

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Trier,am 24.Januar 2015

http://swrmediathek.de/player.htm?show=3574b880-a276-11e4-946c-0026b975f2e6

 

 

Trier, am 21.Januar 2015

PEGIDA Bachmann tritt zurück – die Maske fällt. Überhaupt keine Freude Recht gehabt zu haben.

AfD RLP Vize tritt zurück – Notbremse weil sie sieht wohin der Zug fährt. AfD ist langfristig weitaus gefährlicher als der disperse PEGIDA Haufen.

Nach einem Interview für das SWR TV zum Thema PEGIDA den ganzen Nachmittag unspektakulär Sinnvolleres gemacht: Krankenbesuche, Besuche bei Altgewordenenen,Lebensgeschichten zugehört…. Gibt einem mehr als man geben kann.

 

Trier, am 20. Januar 2015 abends

“Viehzeug”, “Dreckspack” und “Gelumpe” , so soll PEGIDA Gründer Bachmann Flüchtlinge bezeichnet haben. Die Staatsanwaltschaft prüft die Sache. Wenn das wahr ist…

Einer von diesem diffarmierten “Dreckspack” wurde heute in Paris die Staatsbürgerschaft verliehen. Lassana Bathily, gläubiger Muslim, rettete beim Pariser Anschlag mehreren Menschen das Leben. Gut, dass es dies auch gibt. Selbstverständliche Menschlichkeit. Die hatte Lassana  aber immer schon und doch war er auch von Abschiebung bedroht. Kam illegal ins Land. Die Pegidinaer hätten ihn sicher längst aus dem Land geworfen. Jetzt ruft der israelische Hardliner Benjamin Netanjahu den jungen Muslim an und dankt ihm für die Rettung von jüdischen Mitbürgern. Lichtpunkte.Lichtpunkte. Chapeau Lassana Bathily, Chapeau!

http://www.welt.de/politik/ausland/article136591091/Retter-aus-dem-Supermarkt-wird-endlich-Franzose.html

 

Trier , am 20.Januar 2015

Ein Griff ins Archiv. Ein Text,über zehn Jahr alt. Ein Wort zum Sonntag. Könnte ich heute nochmal so sagen:

 

Abu Shauki

Unser Koch hieß Abu Shauki,

stammte aus Gaza und versorgte uns Jerusalemer Studenten

jeden Tag mit arabischer Küche.

Über zwanzig Jahre ist das jetzt her,

und wenn ich an diese Zeit zurückdenke,

sehe ich noch sein Bild vor mir.

Ein Jahr lang habe ich

auf dem Zionsberg nahe der Altstadt Jerusalems

gelebt, studiert, das Land kennen gelernt.

Wir waren eine bunte Truppe.

Studenten beider Konfessionen,

evangelisch und katholisch,

lebten unter einem Dach.

Wir diskutierten, stritten auch mal,

lernten uns aber besser kennen.

Vorurteile bleiben nur,

wenn man Augen und Ohren zuhält.

Das ging dort nicht.

Wir begriffen, dass uns weit mehr verbindet als trennt,

wir respektierten die Traditionen der anderen.

Und gemeinsam die anderer Religionen.

Deswegen erinnere ich mich an Abu Shauki.

Jeden Morgen um fünf  hörte ich ihn auf dem Dach

seine Morgengebete sprechen.

 

Sein Gebetsteppich in der Küche

gehörte dazu wie alles andere.

Im Ramadan fastete er streng.

Für einen Koch nicht gerade einfach:

nichts essen, nichts trinken, den ganzen Tag.
Zum Abschmecken mussten wir einspringen.

Wir beschrieben den Geschmack,

er würzte nach. Keine Ausnahme.

Fasten war Fasten.

Ich weiß noch, dass wir damals über Khomeini sprachen,

über radikale Moslems,

über Islam und Gewalt.

Und ich erinnere mich,

dass er dann sehr ernst wurde.

Ein Verrat sei das an seiner Religion,

das habe Mohammed, der Prophet, nicht gewollt.

An einem Sonntagmorgen

war ich unterwegs zur Messe.

Ich holte mir in der Küche

noch schnell einen Schluck Wasser.

Abu Shauki zeigte auf seinen Gebetsteppich:

“Ich hab jetzt mein Gebet

hier in der Küche, du in der Kirche.”
Und dann der Satz,

den ich wohl immer

mit ihm verbinden werde:

“Believe me, it’s the same God.”

“Glaub mir,

es ist der gleiche Gott.”

 

Trier, am 18.Januar 2015

PEGIDA Demo in Dresden wurde abgesagt. Erst von PEGIDA selbst, dann für alle DEMOS pro oder contra von der Dresdner Polizei. Grund: Attentats-Terrordrohungen. Egal ob Pegidianer oder Gegner, in der Ablehnung und im Widerstand zu terroristischen, den Islam missbrauchenden Bedrohungen, gibt es eine Koalition. Allerdings eine sehr brüchige. Nur ein Zitat aus Mails an mich nach der Absage der PEGIDA DEMO: “ Pegida wurde abgesagt. Na, knallen bei Ihnen die Korken? Ein Grund für Sie zum Jubeln! Freuen Sie sich! Halleluja! Sie haben mit Ihrer Hetze Erfolg… Tolle Leistung…Es wird auf Sie und Ihresgleichen zurückfallen. Schämen Sie sich! Sie feiger Terror-Kumpel! Je suis Pegida! Ohne jede Hochachtung  (dann immerhin der Name)”.   Kein Kommentar. Spricht für sich.

Bin gespannt auf die Günther Jauch Diskussion heute Abend. Immerhin traut sich eine wichtige Pegida-Verantwortliche in den Ring. Vielleicht zu idealistisch, aber ich hoffe auf Anfänge eines Dialogs, bevor noch mehr eskaliert…

 

Trier, 18.Januar 2015

Mal was anderes: Heute morgen auf SWR 1:  Meine erste “Begegnung” mit ML Marjan.

http://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&id=19035

 

Springiersbach, 16.Januar 2015

Segenswunsch

„Sei kraftvoll, bei allem was kommt,
sei mutig bei allem, was dir entgegentritt,
sei unbeirrbar, wenn man dich zähmen will.

Sei empfindsam, für alles, was dir fremd erscheint,
sei mitfühlend für alles, was brüchig ist,
sei tröstend für alle, die gegen Wände liefen.

Sei klar, wenn dein Gewissen dich mahnt,
Sei klar und unbestechlich, egal wer dich lockt,
Sei nachsichtig und gütig mit allen die scheitern.

Sei leicht und humorvoll, so wie du bist, ohne Spiel,
sei Mensch, behutsam und ehrlich mit deinen Stärken und Schwächen.
sei hellwach für alles, was neben dir geschieht

Gott selbst segne dich,
immer wieder und festige deinen Schritt,
sei Dir Rückenwind und langer Atem
damit du selbst zum Segen wirst
In SEINER, unserer Welt.

(Zitat aus einem Segenswunsch für Papst Franziskus)

 

Trier, 15.Januar 2015

Eine wichtige Facette.Lesenswert :http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/islamische-etikette

Trier, 15.Januar 2015 

Na dann weiss ich ja was ich heute zu erwarten habe. Volksfreund Do 15.1.2015:

(http://www.volksfreund.de/nachrichten/welt/themendestages/themenderzeit/Weitere-Themen-des-Tages-Moegen-die-Pegidianer-hetzen-wie-sie-wollen;art742,4104958)

Muss nix dementieren, eher ergänzen. Siehe 13.1.  Mir geht’s nicht darum die Verunsicherten zu verunglimpfen . Mir geht’s um die Verführer, die genau wissen was sie wollen…

 

Trier, 14. Januar 2015

“Der Islam muss sich tatsächlich verändern und neu erfinden. Der Islam muss Selbstreflexion machen, Selbstkritik üben. Auch das sind Dinge die wir seit vielen vielen Jahren einfordern. Es ist vor allem ein Problem  der Muslime wenn im Namen Allahs getötet wird.” 
Dieser Satz stammt von einer Muslima, die gestern in Berlin an der vom Zentralrat der Muslime organisierten Trauerkundgebung teilgenommen. Das ZDF Heute-Journal hat diese Aussage dokumentiert. Diese Frau spricht mir aus der Seele. Chapeau! Der Islam -so schwierig das in seiner dezentralen Struktur sein wird- muss sich reformieren und auch seinen kostbarsten Schatz, den Koran, einer kritischen Exegese unterziehen, ihn auch historisch-kritisch interpretieren und in ein Heute übersetzen. Wenn nicht, dann werden bewunderswerte tolerante Muslime weiterhin auf großartige, dem Frieden, der Toleranz und auch der Völkerverständigung ausgerichtete Suren des Koran hinweisen,die fanatischen Islamisten aber weiterhin genügend schreckliche Zitate finden, mit denen sie ihre Verbrechen zu begründen versuchen. Christen aller Konfessionen haben diese Aufgabe  zum größten Teil hinter sich. Es gibt in der Bibel ebenso genügend unmenschliche, brutale und uns heute nicht mehr nachvollziehbare Sequenzen die bei naiv-wortwörtlicher Auslegung ebenso zu  Gewalt führen könnten. Davon sind wir Gottseidank weit entfernt. Diese Art “Aufklärung” hat der Islam noch vor sich. Ich hoffe so sehr, dass solche beeindruckende Muslime wie die Muslima vom Pariser Platz sich auf Dauer durchsetzen. Dabei sollten ihnen “ihre christlichen Brüder und Schwestern ” an der Seite bleiben und wenn es nur dadurch geschieht, indem man sie vor Vorurteil, Schubladendenken und Ausgrenzung schützt. Für sie beten schadet auch nichts.

 

Trier, 13. Januar 2015

Ich habe mich heute entschieden aus verschiedenen Gründen meinen Facebook Account zu löschen werde aber hier munter weitermachen ( kann was dauern bis der Blog seine Embryonalaphase verlässt). Von Kapitulation keine Spur, mögen die Pegidianer hetzen wie sie wollen (damit meine ich nicht die Verunsicherten, Nicht-Informierten, Ängstlichen, von eignen Erfahrungen schmerzlich Betroffenen, sondern die eiskalt kalkulierenden neuen Demagogen). Lügenpresse ist eines ihrer Parolen. Da hilft ein Blick in die Geschichte : Hitler pur. Ich schäme ich nicht nur als Theologe sondern auch als Journalist.

Trier, 12.Januar 2015

Bei dem was ich gerade erlebe erinnere  und klammere ich mich an ein Wort dass ich mal zu meinem Namenspatron geschrieben habe:

“Stephanus heisst: den Himmel offen sehen, wenn die Steine fliegen”

 

Trier, 10.Januar 2015

Je suis Charlie heisst als Slogan für mich:
Je suis Ahmed et Franck (die getöteten Polizisten) et je suis Yoav, Philippe, Yohan und Francois-Michel ( die Opfer im jüdischen Supermarkt) et je suis Charlie!

Je suis Charlie = Je suis contre la terreur et intolerance!

 

Trier, 9. Januar 2015

Die Attentäter aus Paris sind tot, schrecklicherweise auch Geiseln des heutigen Tages. Das Aufatmen ist da hält sich aber nicht nur deswegen in Grenzen. Was wird passieren? Gut, dass in vielen heute besonderes gefüllten Moscheen die Betroffenheit und die Scham über die Verbrechen der vermeintlichen Glaubensbrüder deutlich wurde. Gut, dass Imame über Suren des Koran predigten, die die Tötung von Menschen, ja Gewalt überhaupt ausschliessen. Richtig so, leider gibt es aber Stellen im Koran , die genau das Gegenteil fordern und bei wörtlicher Auslegung den Fanatikern ihre menschenverachtende Motivation liefern. Würde man als Christ oder Jude die Bibel ebenso unhistorisch, also manche grausamen Stellen als wörtlichen Befehl lesen, wäre die Situation nicht viel anders. Dem Himmel sei Dank, dass Auslegung, Interpretation, historische Einordnung und zeitgeschichtliche bedingte Unübertragbarkeit uns vor einseitigem, oberflächlichem Lesen bewahren und uns die Tiefe der eigentlichen Botschaft erschliessen. Das “weisse Feuer” wie in der jüdischen Überlieferung heisst, die Weisheit die ungeschrieben zwischen den Versen steht und ebenso wahr ist, die ist zu suchen und zu erkennen. Davon ist der Islam leider noch sehr entfernt. Es gibt keine allgemeingültige Auslegung sondern etwas platt gesagt ist jeder Muslim sein eigener Interpretator des Islam. Ich habe von ihnen wunderbare Menschen kennengelernt, die mir die Schätze ihrer Religion offenlegten, das Harte ebenso erklären und mich beruhigen konnten, wie ich ihre Fragen nach Stellen im Alten Testament. Ich wünsche mir nichts sehnlicheres, als dass viele Verantwortliche im Islam dies erkennen und in einen innerislamischen theologischen Disput treten, dessen Ergebnis den Scharfmachern den Boden entzieht. Eine Art “Weltkonzil” des Islam. Unrealistisch im Moment, aber nicht utopisch. Hilfreich wäre, was man uns Katholiken mit Blick auch Rom oft vorwirft, aber für die Muslime jetzt von entschiedener Bedeutung wäre: mit einer Stimme, mit einem Gesamtrepräsentanten aufzutreten. Unrealistisch im Moment, aber auch nicht utopisch. Es ist gut dass der SPD Vorsitzende zu einer großen “Demo der Anständigen aufruft”. Kommt hoffentlich. Noch eindrücklicher wäre eine Riesendemo deutscher Muslime ( von ihnen organisiert) als sichtbares Zeichen ihrer glaubhaften Betroffenheit und Erschütterung. Wichtig ist jetzt allerdings auch die Wortwahl in den Medien. Jede populistische oder auch vermeintlich umfragegemäß recherchierte Info (z.B. die liberalen Kräfte unter den deutschen Muslimen seien in der Minderheit) stärkt die “Kriegsgewinnler” des Pariser Attentats. In Frankreich Madame Le Pen, in Deutschland PEGIDA und ihren sich mittlerweile bekennenden Paten AfD. Wie von ihnen die ernstzunehmende Sorge und Unsicherheit von nur grob informierten Mitbürgern missbraucht und instrumentalisiert wird, schaudert mich. Das hatten wir doch schon mal….

Trier, 8.Januar 2015

Wider die Angst
…und wider PEGIDA

Nur weil sie arabisch aussahen,
wollte niemand mit ihnen fliegen.

Die Passagiere einer amerikanischen
Airline weigerten sich
die Maschine zu betreten,
wenn diese „Verdächtigen“ mitfliegen würden.

Kein gutes Zureden half,
die Fluggesellschaft gab nach,
die beiden wurden umgebucht.

Sie hatten amerikanische Pässe,
lebten seit Jahren im Land,
verstanden die Welt nicht mehr.

Ich lese das in der Zeitung,
erschrecke und denke mir,
wie groß muss bei manchen
die Angst sein.

Dann ärgere ich mich
über die Intoleranz,
die Bestrafung Unschuldiger,
die neuen Schablonen.

Die neue Apartheid.

Wieso macht man es sich so einfach,
nicht jeder Muslim ist ein Araber ,
nicht jeder Araber ist ein Muslim,
nicht jeder Muslim ist radikal,
erst recht nicht jeder ein Terrorist.

Ich schüttle den Kopf,
und lege die Zeitung beiseite.

Später in der Straßenbahn
ertappe ich mich.

Drei arabisch aussehende
Männer unterhalten sich,
ich muss immer wieder hinschauen,
was bereden die,
denke ich.

Immer wieder schaue ich hin.
Hätt’ ich früher nie gemacht.

Als mir aufgeht was ich da tue,
erschrecke ich,
noch mehr als zuhause.

So was kenn ich nicht von mir,
wie schnell geht das,
das kann doch nicht wahr sein.

Ich werde kleinlauter,
eben noch hab ich über
andere den Kopf geschüttelt.

Jetzt könnte ich es über mich selber
Jetzt kann ich es über mich selber.

Ich hoffe – und wie ich das hoffe,
dass manchem PEGIDA Demonstrant
dass ebenfalls aufgehen möge,
auch nach dem Anschlag in Paris.

Die sicher am Montag wieder stattfindenden
PEGIDA Aufmärsche müssen verschwinden,
in dem keiner mehr hingeht,
ich weiss das klingt naiv,
aber ich hoffe eben.

Und ich wünsche mir,
dass noch mehr Muslime das klar bekennen
was ihr Zentralrat gestern
nach dem Anschlag in Paris
sofort und deutlich gesagt hat:

“Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt,
sondern unser Glaube wurde verraten
und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen.”

Wenn sie das nur endlich auch kapieren würden,
die verführten PEGIDA-Symphatisanten!
Ich kann es nur wünschen.

SW

 

Trier, 1. Januar 2015

AfD kritisiert die Kanzlerin wegen ihrer klaren Worte in der der Neujahrsansprache. Ob das strategisch klug von Merkel war mag man diskutieren, das Outing von AfD-Lucke und Konsorten (wen wundert es) als große Versteher der PEGIDA-Bewegung spricht für sich. Die Maske hält nicht mehr lange…Nicht nur PEGIDA ist für Christen ein No Go, AfD ebenso. Aber: solange die deutsche Politik in ihrer Haltung zur Flüchtlingsfrage und Position zum Islam und zum gewalttätigen Islamismus (Unterschied !!!) parteitaktisch schwankt statt eine richtige, ehrliche und damit starke Superkoalition zum Thema zu bilden, wird noch einiges möglich sein. Mögen immer noch einige Zauderer diese Wahrheit hassen wie der Teufel das Weihwasser: wir sind de facto ein Einwanderungsland, werden es bleiben und das ist mehr als gut so! Ausländische Spitzenkräfte sind schon jetzt natürlich immer willkommen,(Green Card Unsinn) aber wenn das Niveau nicht erreicht wird…dann…

Einwanderen muss die Chance der nächsten und übernächsten Generation zur Integration gegeben werden. Was wenn es umgekehrt wäre: Deutsche müssten aus ihrer Heimat fliehen und landeten in Afghanistan. “Natürlich” würden sie sich sofort an Sprache und Kultur anpassen: Schwachsinn! Sie bräuchten auch Zeit…
Viel Zeit.
Zugegeben: ich habe auch Angst vor Terroristen, die ihre Religion für ihre abscheulichen Zwecke missbrauchen. Aber ebenso vor Populisten die diese Angst missbrauchen und politisch steuern. Das hatten wir doch schon mal….

 

Trier, Silvester 2014

Bitten zwischen Silvester und Neujahr

 

Zu Anfang des neuen Jahres bitten wir für alle,

mit denen wir das neue Jahr beginnen,

egal ob sie uns nahe stehen

oder ob sie sich schwer mit uns tun,

wie wir vielleicht auch mit ihnen.

 

An alle denken wir, die wir vermissen,

die wir im letzten Jahr begraben mussten

und an all die, die uns schon länger schmerzlich fehlen.

Wir beten für alle, an deren Grab niemand mehr steht.

 

Wir beten aber auch für die uns jetzt noch

fremden Gesichter der kommenden Zeit,

für all die Menschen, die wir neu kennen lernen werden.

Für die Flüchtlinge beten wir, die mit schrecklichen Bildern

in Kopf und Herz leben müssen.

Für die von ihnen, die inständig hoffen irgendwann in ihre

befriedete Heimat zurückkehren zu können und für die,

die bei uns als Einwanderer willkommen bleiben.

 

Wir beten für alle, die im letzten Jahr

unseren Weg gekreuzt haben.

Für, die die uns kostbar geworden sind

mit einem Platz in unseren Herzen

und für alle, deren Gesichter die Zeit

verwischt hat, die uns nicht in Erinnerung geblieben sind.

 

Wir bitten in diesen Stunden für alle,

denen das neue Jahr große Termine bereithält.

Für alle, die heiraten werden,

für alle, die ein Kind erwarten,

für alle, die an einem fremden Ort neu beginnen werden.

 

Wir beten für alle, für die das alte Jahr

schmerzliche Erfahrungen hatte.

Für alle, deren Prüfungen nicht so liefen wie sie gehofft hatten,

für alle, die ihren Arbeitsplatz verloren haben,

für alle, die in der Liebe verwundet wurden.

 

Wir bitten für alle, die im neuen Jahr ins Berufsleben starten

und für alle, die ihren Ruhestand beginnen werden.

Für alle, die sich verlieben werden wie auch immer

aber auch für alle, die mit großen Sorgen

in ihre Zukunft blicken.

Für alle, deren Humor und Leichtigkeit

manches Schwere ertragen lässt.

 

Besonders beten wir für alle,

die krank sind an Leib oder Seele,

und für alle, die Lasten tragen,

über die sie nicht sprechen können,

für alle, deren Leben niemanden interessiert.

Für alle, auf die man mit Fingern zeigt.

 

Für alle beten wir, deren Leben durch Unglücke

zerstört wurde, wie die Opfer auf der Griechischen Fähre,

die Toten des Air Asia Flugzeugs, die Verunglückten des Busunfalls

bei Bad Hersfeld und so vieler anderer tragischen Unfälle.

Für die Opfer der Isis und anderer Terroristen beten wir

und für alle trauernden Familien und Freunde

die deren Leben nach schrecklicher Nachricht

nie mehr so sein wird wie vorher.

 

Für alle, die auch im neuen Jahr für uns da sein werden

und uns wichtig sind, wie die Luft zum Atmen.

Die uns Mitmensch und Engel sind, waren und bleiben.

Gott segne sie alle

und behüte sie

bei alles was kommen mag,

in allem Schweren und Schönen.

 

sw

 

Trier, 26.12. 2014  Stephanustag

 

Stephanus heisst.

den Himmel offem sehen wenn

die Steine fliegen

 

Trier, Heiligabend 2014

 

friedensbote

 

zwei sätze finde ich

der eine

 

frieden ist:

wenn einem kind nichts

mehr beim wort „feind“

einfällt

 

das lese ich

und merke es mir

als utopie und ansporn

 

der andere satz

lässt keinen ausweg:

 

was kann ich für den frieden tun?

fragte jemand franz von sales

und der heilige antwortete:

schlagen sie die tür nicht so laut zu

 

so fängt es an
Trier, 23.Dezember 2014

Wie enttäuscht, wütend und einsam muss Papst Franziskus sein um eine solche weihnachtliche BrandRede zu halten. Er wird sicher nicht der liberale Reformator werden, aber der erste mutige Schritt in eine erneuerte Kirche. Gut das offen Gesagte nun nicht mehr zurücknehmbar ist. Peinlich für alle feigen Bischöfe die sich a) nie getraut haben Position zu beziehen b) ihren Priestern die Hölle heiss gemacht haben wenn solche Kritik (konstruktive, leidende) aus deren Reihen kam. Lieber Papst Franziskus: Gottes Rückenwind und Segen dazu! Und einen langen Atem.

 

Trier, 20.Dezember 2014

Unromantische Gedanken vor Weihnachten :

 

… unter die haut

 

füße hoch

und kerze an

advent, advent, advent

 

schönes licht

tolle kerzen

zimtduft …

 

die welt ist schön

ohne nachrichten

 

augen zu

lametta drüber

füße hoch und kerze an

heißa bald ist weihnachtstag

 

rex gentium

könig der völker

ruft die kirche

zwei tage vorm fest

schreit sie

 

wo bist du?

 

nein, nicht solche fragen stellen

jetzt nicht, spielverderber!

kauf lieber spekulatius

 

aber sie sind da, die bilder

wir haben versucht, uns loszureißen

aber sie haben uns nicht losgelassen

 

gottvergessene

gottverlassene Welt

 

die Welt gleitet

durch unsere hände

 

bomben fliegen

flüchtlinge fallen auf ihrem weg

wie wasser gleitet das

durch unsere finger

 

menschen, zerstört

durch hass

und einsamkeit

 

gott hat uns die welt

in die hände gegeben

und sie ist uns in die hände gefallen

 

tänze vor goldenen börsenkälbern

militärgeschäfte

seit dem 11. September mit gutem gewissen

 

was stand noch mal auf

dem fax aus israel?

 

„in diese welt

diese verrückte herberge

kommt christus ohne einladung“

 

wird mensch

 

hilf uns, gott

denn unser glaube ist klein

hilf, gott

denn unsere phantasie

reicht nicht weit genug

 

unsere hände sind zu geballt

unsere herzen sind zu verfettet

unsere augen sind zu verheult

 

hilf uns

zu sein, wer wir sein sollen

 

fahr uns in die knochen

geh uns unter die haut

 

Halle, 16.Dezember 2014 

“Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch” (Gottfried Benn). Zu den Taliban-Monstern, die heute über hundert Kinder in einer Schule in Pakistan getötet haben, könnte es passen, wenn es nicht die Spezies Schwein beleidigen würde. Ist noch zu viel harmlos für diese grausame Barbarei. Wie schafft man das kleine Kinder zu erschiessen und alles im Namen der Religion? Wie stumpf und taub muss man dafür sein? Wieviele Muslime fühlen sich durch solche Brutal-Terroristen in ihrem Glauben aufs Schändlichste verraten? Gut dass es Proteste empörter Muslime gibt, besser noch es gäbe eine gemeinsame deutliche Fatwa im Namen aller gerechten Muslime der Welt. Neben allem Entsetzlichen vor Ort ist das natürlich indirekt Wasser auf die Mühlen der Schreihälse von Pegida und ihrer populistischen Rattenfänger.

www.stephan

Trier. 13.Dezember

Drei Aljoscha-Lesungen hinter mir. Zweimal über hundert, einmal ca.70 Zuhörer. Hat mich sehr gefreut, vor allem auch für Stefan Hippler’s südfarikanisches Projekt “Hope”, für das ich gerne sammle.

 

Trier, Dienstag, 10.Dezember 2014, später Abend

USA, CIA und Folter. Und der Westen schreit wieder einmal betroffen auf, und noch einmal und noch einmal und immer leiser werdend….es sind ja doch unsere Freunde und sie haben uns ja 1945 gerettet. Ja, ja…stimmt. Doch : Freibrief für brutale Unmenschlichkeit? No way. Die USA wird es in ihrer Weltpolizei-Arroganz egal ob Demokraten oder Republikaner nie kapieren, es sei denn eine EU wäre sich mal einig und schickte nach so einer Nachricht mal die US Botschafter ihrer Länder auf Zeit ausser Landes, oder wenn das schon zuviel ist, bestellte die Botschafter in ihre Aussenministerien zur deutlichen Ansage ein.ein. Feiglinge…Denn dann gibt’s Haue von der Wirtschaft..

 

Trier, 10.Dezember, mittags

Ralph Giordano, Schriftsteller, Journalist und unbequemer Mahner ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Als die Nachricht eben kam erinnerte ich mich an einen lang zurücklegenden Besuch bei ihm in seiner Kölner Wohnung im Sommer 2001. Eine meiner “Wahlbekanntschaften” die auf SR 2 Kulturradio gesendet wurde. Viel ist in der Zwischenzeit geschehen, und auch das Manuskript gibt nur einige Facetten des mich damals sehr bewegenden Gespräches wieder:

 ”Ich kann nicht an Gott glauben”

SW: Einen Seidenschal trägt er nicht, als er mir die Tür öffnet. Es gibt Bilder, die verbindet man mit einem Menschen, und wenn es diese Besonderheit ist, die ihn in Talkshows von anderen Teilnehmern unterscheidet. Doch mehr noch verbinde ich mit ihm eine deutliche Sprache, unbequeme Wortmeldungen, eine Art Gewissen der Nation. Das sich unermüdlich zu Wort meldete und das immer noch tut. Giordano ist quasi immer im Dienst.

Ralph Giordano: Ein uralter Freund, uralt wie ich .. er hat gesagt Ralph, willst du nicht mal wenigstens einen Tag in deinem Leben Urlaub machen? Ich erinnere mich, dass ich mit meiner 1984 gestorbenen Frau jedes Jahr sind wir nach Sylt gegangen, ja das sind wir, haben auch am Strand gesessen. und meine Frau hat gesagt: Musst du unbedingt deine Schreibmaschine mitnehmen, was sagen die Nachbarn hier im Strandkorb. Diesen Unterschied zwischen Arbeit und Leben  gibt es bei mir nicht. 

SW:Und deswegen kann er auf umfangreiche Veröffentlichungen zurückblicken und sie um weitere Ergänzen. Seine Autobiographie mit dem Titel Erinnerungen eines Davongekommenen erscheint im nächsten Jahr. Der Vater war sizilianischer Herkunft. Stolz zeigt mir er mir die Ehrenbürgerurkunde die ihm der kleine Ort Riesi verliehen hat. Dort stammen die Giordanos her. Die Mutter war Jüdin. Giordano weiß sich ihrem Erbe verpflichtet. Auch wenn es keines im traditionellen Sinne ist.

RG: Der jüdische Zweig ist ein vollkommen assimilierter Zweig gewesen, wie die deutschen Juden damals überhaupt und was nichts daran ändert, dass meine Mutter eine Jüdin vom Kopf bis zur Sohle gewesen ist, eine jüdische Mamme par exellence, immer in Sorge um ihre Brut und am liebsten hatte sie uns im Bett, weil uns da gar nichts passieren konnte, ich schildere das auch in den „Bertinis“. Da gab’s den berühmten „………..oder Muttertag“, den gibst natürlich nur einmal im Jahr, aber bei uns gab es den jede Woche. Warum? Also, meine Mutter, ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, uns ging es ja nicht gut, aber dann gab es Brause, es gab Kuchen, es gab Obst, es gab Brötchen mit gekochtem Schinken, das war der größte kulinarische Genuss, den sie uns bereiten konnte. Warum tat sie das? Wenn sie es einholte, wie wir in Hamburg sagen, wenn sie es einkaufte und dann nach Hause kam, mit Papier raschelte, zogen wir Brüder, mein älterer Bruder und ich, uns mit einer Blitzgeschwindigkeit aus und hüpften in die Betten und meine Mutter erschien dann mit dem Tablett, um uns das dann zu kredenzen. Denn da im Bett, da sah sie uns am liebsten, weil uns da nicht passieren konnte. Jede Mutter hat Sorge um ihre Kinder, aber ich denke, bei den Juden war das eben durch die Umstände, die wir heute alle kennen, besonders ausgeprägt. 

SW: Er hat seinen eigenen Weg gefunden und ist der Religion gegenüber in behutsamer Weise distanziert. Behutsam weil er mir sagt, dass er ungern darüber spreche, aus Sorge jemand zu verunsichern, dem Glaube fester Halt und Heimat sei. Über seinen Zweifel spreche er nur mit Menschen, deren Glaube er nicht erschüttern könne.

RG: Ich bin 78 und sage heute: ich kann nicht an Gott glauben, ich möchte es manchmal, weil ich es auch getan habe und weil ich sehe, dass es eine große Kraft sein kann, um Probleme zu bestehen, um über Schwierigkeiten und Schlimmeres hinwegzukommen. Ich denke, jeder wird in Todesnot Gott anrufen. Nur, es kann mich  nicht davon überzeugen, dass es diesen Gott, ganz egal welcher Prägung, welcher Konfession, welcher Denomination, dass es diesen Gott jenseits der menschlichen Vorstellungskraft und der menschlichen Phantasie gibt. Wobei ich sagen möchte, dass ich dem Menschen und meinem Verhältnis zu ihm nicht beurteile, ob er glaubt oder nicht, sondern ich mache das davon abhängig, was er tut, um die Welt, in die hinein er oder sie geboren worden ist, um diese Welt ein bisschen bewohnbarer, ein bisschen humaner zu machen, als sie ist. Wenn ich jemanden treffen, der nach meinen erkämpften und erlittenen Kriterien sein Molekül, sein Atom dazu beiträgt, diese Welt bewohnbarer und humaner zu machen ist er mein Bundesgenosse. dann kann er Christ sein Jude, er kann Mohammedaner, er kann Animist, Spiritualist oder ganz egal was, und wenn ich jemand träfe der sagte er glaube nicht an Gott, und er sei Gottes Feind und er sei ganz und gar areligiös und ist ein Schuft, dann ist er mein Gegner.

SW: Die Welt vor dem Absturz bewahren, auf diese Formel bringt die gemeinsame Aufgabe. Ob als Gläubiger oder als Atheist. Einen großen Absturz in die Unmenschlichkeit hat Giordano am eigenen Leib erlebt. Die Familie fiel in der NS-Zeit unter die Nürnberger Rassegesetze. Ich treffe ihn an einem symbolträchtigen Datum. Am 20. Juli. Der Tag, der an das gescheiterte Stauffenberg Attentat erinnert.

RG: Wir lebten damals in einem Keller im Norden von Hamburg, das war also eine schreckliche, feuchte, einsturzgefährdete Kellerwohnung, und plötzlich kam über den Wall, den der Schutt getürmt hatte, eine Frau, die die Frau des Friseurs gewesen ist, mit dem wir bis zur Ausbombung sozusagen Haus an Haus gelebt haben, die uns aufgespürt hatte, uns mochte, war nicht selbstverständlich, und die dann laut rief: Hitler ist tot und dann schlug sie sich auf den Mund, als wenn sie fürchtete, es war weit und breit keiner zu sehen, aber es war eine ganz charakteristische Bewegung, Hitler ist tot und schlug sich auf den Mund. Wir waren natürlich voller Hoffnung, weil seit 1933 waren 11 Jahre vergangen, etwas mehr als 11 Jahre, und es waren, das brauche ich hier nicht zu sagen, für Leute, die unter die Nürnberger Rassengesetze fielen, waren das fürchterliche Jahre und die Befreiung war eine Fata Morgana, eine Vision, etwas – eine Hoffnung, die in uns lebte, ohne dass wir je darüber gesprochen haben. Aber das war das einzige, an das wir uns klammern konnten. Die Wahrheit ist, dass wir eigentlich nicht geglaubt haben, dass wir befreit werden würden. Aber dann plötzlich mit diesem Ausruf: Hitler ist tot, dann wie eine Flamme, die in Sauerstoff geblasen wird, wie das in mir hochkam und ich dachte, wenn das stimmte, dann wäre alles vorbei. 

SW: Aber es stimmte ja nicht. Von einer Hamburgerin  im Keller versteckt, überleben sie den Terror. Das hat ihn geprägt. Aus der Geschichte lernen, mehr Zivilcourage, den Anfängen wehren. das sind Giordanos Stichworte. Nicht nur zurückblicken, sondern jetzt den Mund aufmachen, wenn es darauf ankommt.

RG: Es ist gar nicht so lange her, in Köln, in der Hohenstraße, in der Fußgängerzone, im Sommer, eine Schlange vor einem Eisladen, drei junge Leute mit dem Outfit, wie es auf neudeutsch heute so schön heißt, als Skins, greifen sich ein schwarzhaariges Mädchen heraus, das sie für eine Ausländerin halten, war auch eine, war eine Türkin, prügeln auf sie ein und hundert Augenpaare tun so, als wenn sie nichts sehen würden, bis sich ein älterer Mann sich ihrer erbarmt, ja, sie in die Arme nimmt, die drei gehen weg unbehelligt. Nun glaube ich nicht, dass die Deutschen von heute so verkommen sind, dass sie dem Mädchen nicht helfen wollten, ich bin überzeugt, sie wollten helfen, aber sie haben es nicht getan. Warum haben sie es nicht getan? Weil sie fürchteten, das zweite Opfer zu werden. Und jetzt kommt eigentlich das wirklich Schrecklich, sie fürchten es vollkommen zu Recht, weil sie sich der Solidarität ihrer Mitpassanten nicht gewiss sein konnten. Da liegt das Problem. 

SW: Doch das Gegenteil geschieht auch und soll auch erzählt werden. Giordano resigniert nicht, glaubt dass jeder was tun kann, wenn er nur will.

RG: Diese Gewalttäter sind Feiglinge von ihrer Natur her. Also wie in der Berliner U-Bahn, wo wieder so etwas geschah, dass zwei oder drei Skins sich gegen einen Ausländer wendeten und wieder die Mitpassanten, die Mitfahrerinnen und -fahrer so taten, als wenn sie’s nicht sähen, bis eine Frau laut ausrief: Also, was passiert hier eigentlich! Soll hier morgen wieder in der Zeitung stehen, wir haben nichts gesehen, da ist jemand windelweich geschlagen worden und wir standen daneben und tun so, als ob wir Blinde wären. Die Frau hat mich zehn Minuten später gleich angerufen. Was ist geschehen? Diese drei Leute haben, wie ich gesagt habe, die Schwänze eingekniffen und sind auf der nächsten Station ausgestiegen. Die werden nicht durchkommen, die werden ihr Ziel nicht erreichen, die werden die demokratische Republik und die demokratischen Verfassungsstaat nicht aushebeln können, das wird nicht gehenAlso, jeder von uns ist aufgerufen, etwas zu tun, und es beginnt im Alltag. Nicht weghören, wenn man hört, was gesagt wird, sondern aufmucken, wenn man fremdenfeindliche Ausdrücke oder Sätze oder Haltung sieht und „oh, lass, lass sie doch reden“.  Nein, lass sie nicht reden. Denn wenn wir im Kleinen beigeben würden, würden wir auch im Großen beigeben. 

(aus: Norbert Sommer, Hrsg.: Wahlbekanntschaften, Gespräche von Stephan Wahl mit Menschen … Wichern 2002 )

R.I.P Ralph Giordano

 

München, Samstag 6.Dezember 2014

Nikolaustag in München. Krass der Unterschied zwischen bayrischem Christkindl-Markt und der gerade geschnupperten Vorweihnachtzeit in Südafrika. Kalte und heisse Adventszeit, facettenhaft unterschiedlich und doch von der gleichen Erwartung und Sehnsucht  geprägt, wenn alles nebensächlich legitim-romantische nicht die eigentliche Botschaft verdeckt.

Hier was zum Schmunzeln aus dem neuen Aljoschabuch:

Nikolausabend

Aljoscha liebte es, am Nikolausabend durch die Straßen zu streifen. Überall sah er Männer mit langen falschen Bärten von Haus zu Haus gehen, aus- staffiert mit mehr oder weniger prächtiger Dienstkleidung. Messgewänder oder Chormäntel waren bei den Pfarrern ausgeliehen worden, man trug Mitra aus Pappe und zog mit selbstgemachten Hirtenstäben zu den Familien.Aljoscha sah diese Sorte von Nikoläusen ger-ne, denn sie erinnerten daran, dass der große Heilige einst Bischof war. Die Mutationen mit rotem Mantel und Zipfelmütze mochte er weniger – schließlich kannte er den echten Nikolaus ja nun schon seit Jahr- hunderten und der lauschte mit Vergnügen den Ge- schichten, die ihm Aljoscha von seinen irdischen Streifzügen jedes Jahr mitbrachte.Eine Geschichte hatte ihn besonders amüsiert. Sie hatte sich vor über zwanzig Jahren in Bonn abge-spielt. Aljoscha musste sie jedes Jahr erzählen. Abiturienten hatten damals einen Nikolausservice auf die Beine gestellt, und einer von ihnen war zum Privathaus eines hohen Ministerialbeamten bestellt worden. Damals waren ja noch alle in Bonn. Dieser Herr empfing ihn an der Tür, führte ihn in den Flur und erteilte ihm weitschweifig detaillierte Regieanweisungen für seinen bevorstehenden Auftritt. Der verkleidete Nikolaus wurde auf die Geschenke hinge- wiesen, „…dies ist für meine Tochter Anna, das für den Sohn Thomas, dies für meine Gattin und das hier“, und jetzt strahlte der Mann über beide Backen, „das hier ist für mich.“ Sprach’s und verschwand im Wohnzimmer, nicht ohne seinem Gast einzuschärfen, auch ja dreimal an die Tür zu klopfen und das Glöckchen zu läuten. Der Abiturient in Bischofstracht nahm tief Luft, bimmelte und trat ins Zimmer. Gut, dass man ihn nicht sehen konnte – Aljoscha konnte sich damals kaum halten, bei dem was er dann zu sehen bekam. Auf dem Sofa saß die erwähnte Gattin und versuchte, ein etwa anderthalbjähriges Kind, Thomas, mit allen Mutterkünsten zu beruhigen. Er schrie nach Leibeskräften, und der Anblick des bärtigen Nikolaus hatte alles andere als beruhigende Wirkung. Die Mutter war vollauf beschäftigt. Etwas rat- los hielt der bestellte Nikolaus nach dem anderen Kind Ausschau. Er entdeckte Anna in einer wunder- bar geschnitzten Wiege. Anna war höchstens drei Monate alt und am hohen Besuch nicht im mindes- ten interessiert. Mittendrin aber saß Vater mit leuchtenden Augen, empfing sein Geschenk und den von ihm selbst vorformulierten Spruch. Als er zu singen anfing, suchte der junge Nikolaus das Weite. Höflich versteht sich. „Krasser habe ich nie erlebt, zu was das sogenannte Kind im Manne fähig sein kann.“ – Mit diesem Satz pflegte der Engel Aljoscha meist seine kleine Erzählung zu beenden. Der heilige Nikolaus aber nickte dann und strich sich vergnügt über den echten Bart. Denn er kannte noch viele ähnliche Ge- schichten. Und manche von ihnen behielt er schmunzelnd für sich.

 

Trier, 1.Dezember 2014

Wieder zurück aus Südafrika voller Eindrücke und Erlebnisse, die wohl einen ganz besonderen Advent nach sich ziehen werden. Ein kleines Ergebnis: eigene Bücher anzupreisen fällt mir sonst nicht leicht, aber jetzt  kann ich für mein neues Aljoschabuch  sehr offensiv werben, denn das Autorenhonorar geht komplett an Stefan Hipplers südafrikanische Hilfsorganisation “Hope” (www.hopecapetown.com). Also kräftig kaufen, verschenken oder weiterempfehlen . (http://shop.echter-verlag.de/neuerscheinungen-1/im-auftrag-des-himmels-1503.html)

Einen gesegneten ersten Advent und beste Wünsche für die nun beginnende adventliche Zeit !

Cape Town, Montag 24.November 2014

Nun hat es wirklich zu lange gedauert den Blog wieder aufleben zu lassen, aber jetzt will ich wieder starten. Langsam aber stetig. Merci für Ihre und Eure Geduld.  Ich grüsse herzlich aus Kapstadt, South Africa, wo ich einen bewegenden und außergewöhnlichen Urlaub verbringe. Mit Freunden habe ich das Westkap erkundet, nun ja wenigsten ein kleines Stück davon. Mein Semesterkollege Stefan Hippler, der in CapeTown eine beeindruckende Hilfsorganisation aufgebaut hat, die versucht den Familien in den für uns teilweise unvorstellbar Zuständen der Townships zu helfen, zB.medizinisch (siehe: www.hopecapetown.com ), hat uns wichtige Tips gegeben. Mit ihm in einem Township unterwegs gewesen zu sein gehört zu den beindruckensten Erlebnissen der letzten beiden Wochen. Die krasse Kluft zwischen einer Armut der Blechhaussiedlungen, die einen beschämt und erkennen lässt wie gut es einem geht und dem Reichtum “der anderen” mit hypergepflegten Golfplätzen etc. würde einen am liebsten laut aufschreien lassen wenn man sich nicht ehrlicherweise zugeben müsste, eher zu der letzten Gruppe zu gehören. Beeindruckende Tage mit viel Sonne, die mir sehr gut tut (ich sollte mich vielleicht doch in ein Sonnenland versetzen lassen :-) ) dies gehört zum erholsamen Teil der Reise mit Whale-Watching, Delphinen, Safari, Tafelberg etc. ). Land der Gegensätze. Eine der vielen facettenreichen Eindrücke ist in der unten stehenden Aljoschageschichte für die nächste Ausgabe unserer Bistumszeitung Paulinus zu finden.

 

Aljoscha in Südafrika 

Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel traute seinen Ohren nicht. Draussen schien die Sonne, das Thermometer zeigte 25 Grad und aus den Lautsprechern eines kleinen Restaurants hörte er laut und deutlich Weihnachtslieder. Auch wenn er wußte dass viele weihnachtlichen Lieder international verbreitet waren klang nicht nur für seine Ohren “O Tannenbaum” oder “O du fröhliche” bei diesen sommerlichen Temperaturen etwas bizarr und ungewohnt. Der kleine Engel befand sich in Südafrika und hier waren die Jahreszeiten quasi “umgekehrt”. Wenn dort Herbst ist, beginnt bei uns der Frühling, wenn bei uns kalter Winter Einzug hält ist für Südafrika der Sommer angesagt. Deswegen hatte sich Aljoscha auch entschlossen dem dunklen und ungemütlichen Trierer November zu entfliehen und war kurzentschlossen, wie man so schön sagt, einfach “abgehauen”. Der kleine Engel wusste, dass er für solche Ausflüge eigentlich eine Genehmigung seiner Dienstvorgesetzten einholen musste, aber da das meist sehr lange dauerte und zumeist auch noch mit einem Nein endete, beschloss er die zuständigen Erzengel erst gar nicht zu fragen. In Südafrika angekommen sah er wie überall auf der Welt die Vorbereitungen auf Weihnachten, nur fand das Fest dort im Sommer statt.  “Heisse Weihnacht statt weisse Weihnacht”, Aljoscha musste selbst über dieses Bonmot schmunzeln, dass ihm bei diesen Gedanken in den Sinn kam. Weihnachten mit Tänzen am Strand oder mit Lametta, Schnee und Lebkuchen, das Wichtigste aber war überall gleich: die Weihnachtsbotschaft. Gott wird Mensch, legt sich in die Krippe, ohne Glanz und Gloria, beginnt sein Menschsein ganz unten. Wenn die Menschen das nur nicht vergessen, sagte Aljoscha zu sich als er sich unbemerkt die ärmlichen Behausungen in den townships ansah, die vor Kapstadt zu tausenden zu finden waren. Lauter Krippen, dachte Aljoscha, denn auch Maria und Josef waren Unerwünschte in ihrer Suche nach richtiger Unterkunft. Gut dass es hier “irdische Kolleginnen und Kollegen” gab, menschliche Engel, die in den teilweise riesigen Siedlungen mit ihren Hütten aus Blech ihr Möglichstes taten um zu helfen und um den Bewohnern etwas von ihrer Würde zurückzugeben. Aljoscha hatte ihnen von dem etwas höheren Dach eines Containers lange zugesehen. Hier war die Anlaufstelle einer Hilfsorganisation, die sich den schönen und programmatischen Namen “Hope” gegeben hatte: Hoffnung. Und das war und ist sie auch für viele Kinder und ihre Familien. Zur deren Armut kamen oft Krankheiten wie TB und andere oft tödliche Infektionen. Viele Kinder waren bereits HIV positiv bei ihrer Geburt. Aljoscha hatte bei einem Besuch in der Krankenstation eines townships in viele geplagte und doch hoffende Gesichter geblickt und sich dabei gefragt ob Hilfe bei der grossen Zahl der Betroffenen nicht mehr war wie der Tropfen auf den heissen Stein. Aber es gibt ihn, beantwortete der kleine Engel seine eigene Frage, und durch den gut bedachten Einsatz von Hope und anderen wird er immer grösser. Ein Zeichen der Hoffnung war für Gottes Lieblingsengel auch der Guide, der Besucher durch das ehemalige Gefängnis “Robben Island” führte. Dort waren zur Zeit der Apartheit, als Menschen auf unmenschliche Weise in Weisse, Schwarze und Farbige getrennt wurden, politische Gefangene wie Nelson Mandela jahrelang, manche jahrzehntelang, in winzigen Zellen festgehalten worden. Der Guide gehörte zu ihnen. Sieben Jahre hatte er hier aushalten müssen. Den Touristen aber auch dem kleinen Engel stockte der Atem als dies klar wurde. Bei allem was diesem schwarzen Südafrikaner angetan wurde, war er trotzdem an diesen Schreckensort zurückgekehrt und begriff seine Aufgabe als Friedensdienst, als Beitrag zur Mahnung “Nie wieder”. Aljoscha war tief beeindruckt von diesem und vielen anderen Erlebnissen. Bewegt von dem was Menschen Menschen antun können, im Negativen wie im Positiven, begab er sich auf den Heimweg und überlegte wie er das Erlebte in die Herzen der Menschen übersetzen könnte. Damit Weihnachten noch mehr das Fest wird, das Menschen ermuntert mehr Mensch zu werden. Und er ahnte, dass dies nicht leicht sein würde.

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Compliments and great respect to Itumeleng Mekwela!!!

 

Donnerstag 12.Juni 2014

Klappe halten

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wie wäre es wenn wir Katholiken, egal ob Fußvolk oder Würdenträger, zum Thema Sexualität einfach mal für einige Zeit die Klappe halten würden. Jedenfalls die Klappe, die nicht differenzieren kann, Moralkeulen schwingt, blind zu wissen glaubt was unverrückbar wahr sein soll. Es gibt genug andere, brennendere Themen für unbequeme aber notwendige Stellungnahmen: Lebensrecht vom Anfang bis zum Ende, Umgang mit Asylanten, verantwortlicher Umgang mit Medien, Putins oder anderer Despoten Machtgehabe, die schleichende Renaissance der Euthanasie und so weiter. Warum doch immer wieder mal an den Türen der Schlafzimmer pochen?

Ehepaare und Nicht-Verheiratete brauchen Unterstützung und Nicht-Reglementierung. Und Respekt vor einer Nähe, die nur sie persönlich angeht. Sex und Zärtlichkeit ist mehr als Kinder kriegen. Außerdem: das Abendland wird nicht untergehen, wenn Schwule oder Lesben nicht nur gnädig so sein dürfen wie sind, sondern das auch dann leben. Christen müssten am lautesten die Stimme erheben im Respekt vor Menschen, die sich nicht ausgesucht haben, dass sie so sind wie sind – so als könne man das frei entscheiden. Und die nicht bereit sind dies als Defizit zu sehen oder als Kreuz auf sich zu nehmen, sondern als Geschenk, als Gabe Gottes. Kapieren wir endlich, was wir vielen von ihnen verdanken, in Musik und Kunst -die Lücken wären groß- aber nicht nur da.  Auch im eigenen Laden.

Gleichgeschlechtlich empfindende Seelsorger und Seelsorgerinnen gibt es nicht wenige in unserer Kirche, auch wenn sie es verbergen, vieles mit sich allein ausmachen, mit sich kämpfen. Und es sind nicht die schlechtesten, manchmal vielleicht sogar empfindsamer und sensibler, auch für Zwischentöne. Je brüchiger, je schmerz-erfahrener die eigene Biographie, desto barmherziger sind sie mit Menschen, mit denen das Leben Salto springt. Zum Beispiel mit Geschieden-Wiederverheirateten. Jeder Fall ist anders und passt nicht in dieselbe Schublade. Cura personalis, war die Devise von Ignatius von Loyola, die Sorge um den je Einzelnen. Das ist die Devise, nicht die Moralschablone, die auf niemanden richtig passt. Nichts ist nur schwarz, nichts ist nur weiß. Nicht das Prinzip darf letztlich im Einzelfall entscheiden sondern die Wahrnehmung des je eigenen Falles.

Es geht darum wie wir mit Scheitern umgehen. Wer hat das Recht, jemand von der Kommunionbank zu verweisen, nur weil ihm das Faktum bekannt ist, nicht aber der Schmerz und die Tragödie, die damit verbunden sind. Es stimmt was nicht, wenn es für einen des Missbrauchs überführten Priester einfacher ist  Sakramente zu spenden, als für einen Geschieden-Wiederverheirateten, Sakramente zu empfangen. Bin gespannt wie das morgige Forum zum Thema Wiederverheiratet Geschiedene bei uns abläuft.

Oder das Problem Kondome. Von welchem Stern kommen die Hardliner, die ihr Beton-No auch noch christlich begründen? Wagenladungen mit Präservativen sollte die Kirche in Gebiete der Welt organisieren, in denen HIV noch immer seine tödliche Schneise schlägt. Oder hier bei uns. Was ist besser: zu verhüten oder abzutreiben? Die Antwort dürfte klar sein. Auch wenn Christen dies de facto leben, die klare Botschaft wäre hilfreich, entlastend, glaubwürdig.

Noch besser wäre schweigen. Auf den Menschen und sein Gewissen zu vertrauen. Kann sein, dass das bisweilen auch daneben geht. Die Brachial-Moral-Infanterie hat größere Verluste. Hier ist ein Sprüche-Fasten außerhalb der Fastenzeit angesagt. Nüchtern werden im wahrsten Sinne des Wortes, differenzieren, sich nicht von Stimmungen leiten lassen, nicht allem nachzuplappern. Wie schon gesagt, nichts ist nur schwarz und nichts ist nur weiß.

„Man darf zu allem eine Meinung haben,“ sagt der Kabarettist Dieter Nuhr, “aber man muss nicht. Wenn sich das einmal durchsetzten würde.

 

Donnerstag 12.Juni 2014

Einer meiner Professoren in längst vergangenen Studienzeiten antwortete auf die mehr als nicht sonderlich inspirierte Frage eines Kommilitonen: “Man kann sich an das Denken auch gewöhnen…”

R.I.P. Frank Schirrmacher + 12.Juni 2014
( gestorben am Geburtstag von Anne Frank und am Todestag von Karl Kraus)

 

Pfingstsonntag 8.6.2014

Download Gottes
- oder die Sieben Gaben des Heiligen Geistes übersetzt

Die sieben Gaben
des Heiligen Geistes:
Weisheit, Einsicht,
Rat, Erkenntnis, Stärke,
Gottesfurcht und Frömmigkeit.
Klingt vielleicht etwas angestaubt,
aber sie haben es in sich.

Sie sind so etwas
wie ein „Download Gottes“.
Ob wir dieses „Programm“ speichern,
anklicken, nutzen, liegt an uns
und unserer Freiheit.

Weisheit meint,
nicht klagen „früher war alles besser“,
aber auch nicht blind allem Neuem zustimmen.
Die Dinge gründlich prüfen, unterscheiden,
nicht vorschnell urteilen,
sondern alle Seiten abwägen.
Weisheit und dazu die Gabe der Erkenntnis
fordern auf, nüchtern zu bleiben, sich nicht
allein von Emotionen bestimmen zu lassen.
„Man kann sich an das Denken auch gewöhnen“,
erwiderte einer unserer Professoren
auf eine nicht sonderlich
kluge Frage eines Kommilitonen.
Nur mit dem Herzen sieht man gut, weiß der kleine Prinz
bei Saint-Exupéry.
Stimmt, aber mit dem Verstand sieht man genau.
Beides ist notwendig.

Einsicht meint, zugeben,
dass auch andere Recht haben,
meint die Größe, Fehler zugeben zu können
und sich zu überwinden, das auch zu sagen.
Man verliert nicht an Autorität,
man gewinnt sie.
Einsicht meint auch:
nicht für alles sofort eine Antwort zu haben.
Es kann gut sein, dass jemand anderes sie hat.

Rat,
ein guter Rat sein allen gewünscht.
und zwar von Menschen,
die uns nicht nach
dem Mund reden,
die nicht nur sagen
was man gerne will,
sondern uns den Kopf waschen
und ans Bein treten,
wenn es nötig ist.

Stärke meint nicht Fäuste
und Potenzgehabe,
meint nicht cool sein
meint eher die innere Kraft,
die auch aushalten lässt
in schwierigen Momenten.

„Sei erschütterbar und widersteh“
schreibt der Dichter Peter Rühmkorff.

Wach bleiben für das,
was neben mir geschieht,
den Mund aufmachen,
wenn es darauf ankommt.

Zuletzt noch Gottesfurcht und Frömmigkeit.
Wir brauchen keine Angst vor Gott zu haben,
keine Furcht im Sinne von fürchten,
aber eines sollten wir nicht vergessen:
die Ehrfurcht.
Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge.
Gott allein ist der Herr der Welt,
und wenn ich mich in der Kirche knie,
dann nur aus einem Grund:
dass ich vor niemand in der Welt in die Knie
gehe, außer vor Gott,
der uns geschaffen und gewollt hat
und dem wir unser Leben verdanken.

Sich daran erinnern 
heißt,
im besten Sinne 
des Wortes
fromm zu werden,
und zwar auf je eigene Weise.
Mit der eigenen, unverwechselbaren Sprache,
die Gott schon versteht.
Mit ihm reden, ohne Scheu.
Ihm schlicht erzählen,
was einen umtreibt,
ohne Sorge,
missverstanden zu werden.

Dass er hört, ist sicher.

Die sieben Gaben des Heiligen Geistes.
Es liegt an uns,
ob sie sich entfalten.
Ob wir es zulassen,
dass sie sich entfalten.

 

Mittwoch 4.6.2014

zwischen  himmel und erde
sie starb plötzlich
ohne vorwarnung
eben hatte sie noch
besuch verabschiedet
er konnte es nicht fassen
nach 49 gemeinsamen jahren
allein
zum ersten mal
er gab sich nicht auf
das band blieb
zwischen beiden
unsichtbar
unzereissbar
vierzehn jahre später
stirbt auch er
nicht plötzlich
aber
am gleichen datum
zur gleichen tageszeit
es gibt mehr
zwischen
himmel und erde
mehr
als wir ahnen
sw 2014

 

Freitag  30.5.2014

(zum tod von karl heinz böhm)

nie …

nicht geplant
was dann kam

nicht unüblich
als filmstar eingeladen
zur tv-show nr.eins
im deutschen fernsehen
die chance
zur selbstdarstellung
imagepolitur
hallenapplaus

dann die wette
und ihre folge
nie ist es zu spät
wieder einmal

danke

©sw
 

Sonntag, 25.Mai 2014

Standpunkt am 23.Mai auf katholisch.de

“Wie ich „Wahl“ zu heißen, kann bizarr sein. Wörter wie „WahlKampf“ oder: „WahlUrne“… na ja. Schön wäre es, bald ein „Wahl-Wort“ feiern zu können: eine gute „Wahlbeteiligung“. Jetzt am Sonntag der Kommunal-und Europawahl. Gerade Christen sollten dafür sorgen. Warum? Damit die Radikalchaoten nicht dadurch Fahrt aufnehmen, weil sie ihre „Truppen“ zur Wahl organisiert bekommen während laue Demokraten gelangweilt ihre Müdigkeit pflegen. Wer nicht wählt muss sich nicht wundern, wenn die braune Bande ihre Prozente erhöht. Dagegen müssen sich Christen aller Couleur verbinden. Aller! Keine Partei hat ein Monopol auf das Etikett „Christ“. Christen gibt es in allen Parteien. Klar, mit unterschiedlichen Positionen, mit heftigen Differenzen. Verbunden sind sie

dadurch, dass sie im Glauben eine größere Perspektive haben, was sie nicht hindert das Leben jetzt ernst zu nehmen und zu gestalten. Gut, wenn sie ihren Glauben dabei nicht leichtfertig instrumentalisieren oder Etikettenschwindel betreiben. Gut, wenn sie  abwägen zwischen Parteiraison und Gewissensentscheidung, gut wenn sie sich nur gegenüber ihren Wählern verantwortlich fühlen, sondern auch gegenüber Gott . Die Europäische Verfassung erwähnt ihn nicht, wohl aber unser Grundgesetz, auf das sich die junge Bundesrepublik heute genau vor 65 Jahren verpflichtete und das so beginnt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“(Präambel). Etwas von dieser Verantwortung kann jeder Wahlberechtigte am Sonntag übernehmen. Also, raffen Sie sich auf und raffen Sie möglichst viele mit. Meinem Namen zur Ehre: Gehen Sie zur Wahl!”

Jetzt ist Sonntag/früher Montag und die gute Wahlbeteiligung (zumindest bei uns) ist zu feiern. Weniger das Ergebnis in Frankreich, und ein Freund der AfD bin ich auch nicht. Hoffen wir dass es für die jetzt klischeefrei-gewählten Demokratiebewussten Rückenwind gibt, damit Europa endlich aus den Puschen kommt.Und die Populisten aller Couleur ihre Quittung bekommen.