Engel Aljoscha

Der Schrei

Auch Engeln verschlägt es bisweilen die Sprache – jedenfalls den kleinen unter ihnen, die nicht in alle Geheimnisse des Himmels eingeweiht sind. Zu ihnen gehörte Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel. Das schreckliche Erdbeben in Nepal, die Tausenden von Toten und das unfassbare Elend der Überlebenden hatten ihn zutiefst entsetzt. Ebenso die täglichen Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer. Manche Menschen verschlossen davor Augen und Ohren, wollten davon nichts wissen, manche taten genau das Gegenteil und versuchten zu helfen wie es ihnen möglich war- durch Spenden oder in Hilfsorganisationen oder auch nur durch ihr Eintreten gegen menschenverachtende Sprüche von kalten Herzen. Manche äußerten auch ihre Wut, haderten mit Gott, verstanden ihn nicht, warum ER das alles zuliess. Auf einem Schreibtisch fand Aljoscha einen Text oder einen besser einen Schrei, der ihn sehr berührte. Still las ihn der kleine Engel:

…warte nicht

und wieder schweigst du

jedenfalls hören wir keine stimme

die uns erklärt

das warum

 

hunderte

ja jetzt über tausend

versinken im Meer

für uns

ohne namen

nie werden sie gefunden

 

heimatverlassene

mit schwerem abschied

mit all ihrer Hoffnung auf

endlich leben zu können

menschenwürdig

frei

ohne angst

 

vertrauend auf das versprochene

das paradies

den markt aller Möglichkeiten

oder nur

das sorglos beruhigt einschlafen-können

 

fallen sie in die hände

der herzlosen

profitgierigen

kalten

 

in kraftlose boote

gepfercht

wie tiere

ohne würde

 

die katastrophe

das untergehen

der tod

ist in kauf genommen

vielleicht sogar begrüsst

 

von den

herzlosen

profitgierigen

kalten

 

ich verstehe nicht

dein schweigen

ewiger

verzeih

meine wut

ballt Fäuste gegen dich

 

mehr noch gegen die

die unheil verhindern könnten

zumindest mildern

wenn sie nur wollten

wenn sie nur mutig entscheiden würden

ohne angst vor dem was kommen mag

 

gott

ewiger, rätselhafter,

schweigst du

weil du entsetzt bist

über die lahmen arme

der deinen

in denen du spürbar

sein wolltest

 

wir brauchen mut

kraft

leidenschaft

 

zeig dich

störe unsere selbstverliebten Gesänge

unsere egoistischen Gebete

unser kreisen um uns selbst

 

fahr uns in die knochen

geh uns unter die haut

 

und:

warte nicht

 

Aljoscha legte den Text behutsam zurück und schwieg lange. Dann beschloss er das alles DEM zu übermitteln, an den es gerichtet war. Einfach so, ohne Appell, aber mit bittender Hoffnung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahr der Orden, auch das…

 

Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, liebte Chorgestühle. Besonders die alten und ehrwürdigen Exemplare, die viel erlebt hatten seit sie vor vielen Jahrzehnten, ja oft vor Jahrhunderten aufgestellt worden waren. Immer wenn er eine der großen Abteikirchen aus einem wichtigen Grund zu besuchen hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen einige Zeit in deren historischem Gestühl auszuruhen. So auch heute in einer weit entfernten Abtei, die ihm besonders am Herzen lag. Viele Gedanken kamen dem kleinen Engel in den Sinn. Wieviele Generationen von Mönchen oder Ordensschwestern hatten vor ihm wesentliche Zeit ihres Lebens in diesen “geistlichen Möbeln”, wie er sie manchmal liebevoll-keck benannte, verbracht. Manchen sah man richtig an wie “durchgebetet” sie waren. Ora und labora, bete und arbeite hatte der große Ordensgründer Benedikt von Nursia als Programm für seinen Orden formuliert. Beides gehörte zusammen: die sinnvolle Beschäftigung und nützliche Arbeit für die Gemeinschaft aber ebenso viel, viel Zeit für das Gebet. Beides zur Ehre Gottes. Viele andere Orden und geistlichen Gemeinschaften hatten sich im Laufe der Jahrhunderte auf ihre Weise, mit oder ohne Chorgestühl, für eine ähnliche Lebensweise entschieden. Aljoscha hatte großen Respekt vor diesen Menschen, die oft gegen den Willen ihrer Familie oder ihrer Freunde einen solchen Lebensweg gewählt hatten, das heisst genauer- der kleine Engel korrigierte sich schnell- die den Mut gefunden hatten auf den Ruf Gottes für einen solches Leben zu antworten. “Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt…” dieses wichtige Wort Jesu galt ja auch hier. Gottes kleiner Lieblingsengel hatte schon oft manchem, der an sich und seiner Entscheidung zweifelte, dieses Jesuwort ins Herz geflüstert und ihn damit ein wenig beruhigt und entlastet. Auch Ordensleute sind Menschen mit allem was dazugehört. Mit Stärken und Schwächen, mit Siegen und Niederlagen, mit Glauben und Zweifel. Niemand weiss das so gut wie der Allmächtige selbst, dachte Aljoscha, und ER weiss schon auf was er sich da bisweilen eingelassen hat und weiterhin einlässt. Humor, Geduld und vor allem ein langer Atem waren Eigenschaften die GOTT nicht fremd waren sondern die ER im Übermass besass und auch brauchte, wenn er Menschen in besonderer Weise auf seine Seite rief und sandte. Im Himmel hatte man sich sehr gefreut, dass der amtierende Nachfolger Petri, Papst Franziskus, der ja in seiner noch kurzen Amtszeit für manche Überraschung gesorgt hatte, ein “Jahr der Orden” ausgerufen hatte, um das Engagement und den vielfältigen Einsatz der Ordensleute zu würdigen und auch für sie zu werben. ‘Kein Wunder bei einem Jesuiten, der Papst geworden ist’, hatte der kleine Engel bei der Nachricht vorlaut geäußert und sich damit prompt eine strenge Rüge seines zuständigen Erzengels eingehandelt. Aber natürlich hatte ihn diese päpstliche Entscheidung mehr als nur gefreut. Er kannte soviele Ordensfrauen und Ordensmänner und könnte Bücher über Bücher über viele beeindruckende Biographien schreiben. Aljoscha wäre nicht Aljoscha wen diese dann nicht auch mit Witz und humorvollen Erlebnissen gewürzt wären. Der kleine Engel lehnte sich schmunzelnd in seinem Chorgestühl zurück und dachte an ein Geschichte die er vor Jahren in einem Kloster erlebt hatte. Dort war an einem Pfeiler neben dem Eingang zum Refectorium, dem Speisesaal der Mönche, ein schwarzes Brett angebracht, an dem die Todesanzeigen von Mitbrüdern aus anderen Klöstern zu lesen waren. In einer Vesper in eben diesem Kloster hatte ein älterer Pater die freien Fürbitten zu formulieren, die mit seiner bemerkenswerten Bitte endeten: “Wir beten für alle Verstorbenen. Besonders für die, die am schwarzen Brett hängen”. Aljoscha gluckste vor Vergnügen und auch die Vesper in dem altehrwürdigen Kloster war damals beinahe gelaufen. Aber die Heiterkeit, die dort zu spüren war, hatte allen gutgetan. Das gehört auch dazu, dachte der kleine Engel und hoffe im Stillen, schelmisch wie er war, das noch oft das ernste und wichtige Ordensleben durch solche heiteren Patzer gewürzt und belebt werden möge

 

© Stephan Wahl