Unpolierte Gebete

Gebete (wechselnde Texte)

 

auch ein gebet

zurückschalten
sich aus dem tempo nehmen
auf die schritte achten
jeden einzelnen

einen Platz suchen
dann sich setzen
einfach nur dasitzen
nicht auf dem sprung

die sonne
auf der haut spüren
den leichten Wind
durchs haar streichen lassen
die frische luft atmen
und
wortlos beten

 

Segen vor einem unausweichbaren Streit

Herr bleib bei uns bei dem was jetzt ansteht.
lass mich meine Worte so wählen,
dass ich sie nicht bereue.
lass mich klar sein und deutlich,
aber auch fair und nicht verletzend,
- jedenfalls so gut wie es irgend geht.

Herr ich bin wütend und entschlossen,
meine Fäuste ballen sich
wenn ich an den Grund unseres Streites denke.
Sei Du die Versöhnung, die ich noch nicht hinbekomme.
Sei du der Schritt,
den wir beide aufeinander zu gehen.
sei Du die Hand die ausgestreckt wird,
wenn das Unwetter verklungen ist.

Sei du die Insel im Sturm unserer Auseinandersetzung,
Sei du die Planke, die uns wieder an Land führt.
Sei du der Anfang, der möglich wird, auch wenn jetzt alles dagegen spricht.

Wache Herr über das was jetzt kommt

 

die bitte

wenn es kalt
sagen wir
es ist zu kalt
wäre es doch wärmer

wenn es warm ist
sagen wir
es ist zu warm
wäre es doch kühler

wirst du nicht irre
gott
an uns
und unseren bitten

nie zufrieden
mit dem was ist
immer die sehnsucht
nach dem was sein könnte

bei so vielem
nicht nur beim wetter
heute wollen wir dies
morgen genau das gegenteil

hör einfach nicht hin
ewiger
entspann dich
und sammle deine kraft

zu viele echte klagen sind
in deiner unserer welt
zu viele schreie
hör ihnen zu

und hilf
uns wach zu bleiben
um zu helfen
wo es uns möglich ist

diese bitte
erfüll uns
warte nicht
wir bitten dich

 

wintergebet

herr
ich hasse es
wenn die blätter fallen

ihr herbst
ihr aufbäumen
im rausch der farben

ist bunt
ist schön
ist traurig

sie müssen fallen
sind nie ewig
sind vorübergang

der tod in ihnen
ist ein novemberkind

kalt ist es
und nackt
um uns

kahl zeigen
bäume ihr gerippe
die schönheit ist verreist

mich friert
die tage werden immer kürzer

ich sehne mich nach der sonne
ich brauche ihr licht wie die luft
ich bin hungrig nach ihrem glanz
nach ihrer kraft
nach ihrer wärme

regentage kann ich nicht gut aushalten
ich suche das licht
und liebe doch die nacht
ihre Bergung
ihre Stille
ihre Einsamkeit

sie mildert
sie tröstet
sie ist mir vertraut
durch alle zeiten
des jahres

schöpfer der welt

 

…warte nicht

und wieder schweigst du
jedenfalls hören wir keine stimme
die uns erklärt
das warum

hunderte
ja jetzt über tausend
versinken im Meer
für uns
ohne namen
nie werden sie gefunden

heimatverlassene
mit schwerem abschied
mit all ihrer Hoffnung auf
endlich leben zu können
menschenwürdig
frei
ohne angst

vertrauend auf das versprochene
das paradies
den markt aller Möglichkeiten
oder nur
das sorglos beruhigt einschlafen-können

fallen sie in die hände
der herzlosen
profitgierigen
kalten

in kraftlose boote
gepfercht
wie tiere
ohne würde

die katastrophe
das untergehen
der tod
ist in kauf genommen
vielleicht sogar begrüsst

von den
herzlosen
profitgierigen
kalten

ich verstehe nicht
dein schweigen
ewiger

verzeih
meine wut
ballt Fäuste gegen dich

mehr noch gegen die
die unheil verhindern könnten
zumindest mildern
wenn sie nur wollten
wenn sie nur mutig entscheiden würden
ohne angst vor dem was kommen mag

gott
ewiger, rätselhafter,
schweigst du
weil du entsetzt bist
über die lahmen arme
der deinen
in denen du spürbar
sein wolltest

wir brauchen mut
kraft
leidenschaft

zeig dich
störe unsere selbstverliebten Gesänge
unsere egoistischen Gebete
unser kreisen um uns selbst

fahr uns in die knochen
geh uns unter die haut

und:
warte nicht
(zur Flüchtlingskatastrophe 2015 auf dem Mittelmeer)
Gebet eines Ungeduldigen

Nein, ich bin nicht so geduldig
wie Du Gott oder andere,
die gleichmütig bleiben
auch wenn der Boden
unter ihnen wankt.

Schon im Kleinen nicht:
ich könnte aus der Haut fahren
in der Schlange vor der Kasse
am Supermarkt,
wenn jemand umständlich
nach seinem Geldbeutel sucht,
die PIN falsch eingibt,
das Obst nicht abgewogen hat
oder zum fröhlichen Plausch mit
der Kassiererin ansetzt.

Oder wenn alles Hupen nichts nützt
um dem Fahrer vor mir an der Ampel
klar zu machen, dass Rot vorbei ist
und Grün weiterfahren bedeutet.
Ganz und gar nicht nette Gefühle
spüre ich dann.

Ganz großartig auch wenn man
nach schlechten Erfahrungen
mit der unpünktlichen Bahn
dann doch das Auto nimmt
und sich nach sechs Baustellen
im finalen Stop-and-Go-Stau
der siebten wiederfindet.

Nein, ich bin nicht geduldig.
Jedenfalls nicht immer.

Gewiss Temperamentssache,
Familiengene, man ist wie man ist,
sich selbst aushalten
ist nicht immer leicht.
Und doch wünsche ich mir Gelassenheit,
wenigstens etwas davon,
um Dinge, die ich nicht ändern kann,
hinzunehmen, auch wenn es schwer fällt,
erst durchzuatmen bevor ich poltere,
leichter, langsamer, nachsichtiger zu
sein oder zu werden.
Das Gegenteil kann ich schon…

Lass mich geduldiger sein,
Gott, der Du selbst Geduld
hast im Übermass
und auch wahrhaftig brauchst
mit Blick auf Deine nur selten
ganz geglückten Ebenbilder.

Und schenk mir Geduld
beim geduldiger werden,
das ich nicht plötzliche Heilung erwarte,
mich nicht überfordere,
vielleicht erstmal über mich
schmunzeln vielleicht sogar lachen lerne,
nach dem nächsten genervten
“Das-darf-doch-nicht-wahr-sein-Seufzer”,
der mir so schnell oft verärgert entfährt.

Hab Du Geduld mit mir,
wie ich mit anderen
und sie mit mir.
 Morgengebet

Die Morgensonne
auf der Haut spüren
den leichten Wind
durchs Haar streichen lassen
die frische Luft atmen
und wortlos beten.

 

Gebet am Lenkrad

Noch klingt
mir die Sirene
in den Ohren,
an der Strassenseite
habe ich angehalten.

Die Ambulanz
hatte Mühe
ihren Weg
zu finden -
im Wochenendstau.

Das Blau verschwindet,
ich fahre weiter.
Was mag passiert sein?

Ein Unfall auf der
Einfallstrasse zur Stadt?
Ein Herzinfarkt,
ein Schlaganfall
unvermittelt und plötzlich?
Ein Treppensturz,
eine Schlägerei?

Ich werde es wohl nie erfahren,
wahrscheinlich nicht.
Aber ein Gebet schicke
ich nach oben,
die Hände am Lenkrad.
Auch möglich,
sie so zu falten:

sei behütet
wer immer
du bist.

 

Gebet für den unausstehlichen Kollegen

Herr, sorry,
er geht mir auf die Nerven.
Ich kann seinem Gequatsche
nur mühsam zuhören.
Gern würde ich weghören,
die Ohren verschliessen,
aber: er ist so laut!

Die Welt dreht sich
nur um ihn, so scheint es.
Claqueure hat er mehr als genug.
Wer weiss,
vielleicht bringt es ja irgendwann mal was,
denken sich manche
und lügen sich lächelnd das Rückgrad krumm.
Ja, Herr, ich weiß, “liebe den Nächsten…”
und so weiter.
So leicht gesagt, gesungen,
so leicht als Bekenntnis.
So schwer gelebt.
Nochmal sorry Herr,
Paulus hat Recht: ” Ertragt einander in Liebe”. ( Eph 4)
Das ist schwer genug,
aber machbar, einigermassen…
Und umgekehrt auch.
Nicht nur mir wird mancher zugemutet,
ich auch anderen.
Hilf die Brücken schlagen.
So viel Wichtigeres gibt es als das…

So viel….

 

stossgebet

halte du mich
wenn ich
den halt verliere

halte durch
mit mir

ewiger gott
zumindest

ewiger gott,
wir sind traurig,
wir sind stumm.
kein wort das passt

die bilder schmerzen,
lassen uns nicht los.
auch den sonst abgeklärten
bricht die stimme.

warum,
klagen wir
ohne antwort.

du schweigst,
rätselhafter,
geheimnisvoller,
unheimlicher gott.

zeig dich!

sende engel,
deine gedanken,
haltende,
stärkende,
behutsam heilende.

zu den von schmerz
zerrissenen,
zu den von gram
gebeugten,
zu den von trauer
ins mark getroffenen.

zu denen auch,
die jetzt bei ihnen sind,
mit ihnen aushalten,
halt und schulter sind.

zumindest dies,
zumindest dies.

( zum flugzeugabsturz am 24.3.2015)

 

TagesLitanei

Vor müder Langweile
bewahre mich o Herr
vor vermeidbarer Dummheit
bewahre mich o Herr
for bequemer Faulheit
bewahre mich o Herr
vor peinlicher Intoleranz
bewahre mich o Herr
vor arroganter Besserwisserei
bewahre mich o Herr
vor trockener Humorlosigkeit
bewahre mich o Herr
vor vorschnellem Urteil
bewahre mich oh Herr

Und bewahre mich davor
um all das nur zu bitten.

 

schon wieder

ich weiss
ich bin’s schon wieder
heiliger antonius

nein diesmal sind’s nicht
die schlüssel
auch nicht die Brille
auch nicht das mobilphone
das hatten wir alles schon
du musst zugeben
ich biete dir immer was neues

diesmal suche ich
den ring aus jerusalem
kein wertvolles teil
aber mir unendlich kostbar
mit vielen erinnerungen

mir ist als hörte ich
dein genervtes seufzen
du hast ja recht
im verlieren und verlegen
von dingen
bin ich unschlagbar

aber bitte
nur noch einmal
heiliger antonius,
held aller schlamper
aller vergesslichen
aller zerstreuten

zeig mir
die Richtung
und lass mich
wiederfinden
was jetzt verloren scheint

nur noch einmal
bitte
es ist bestimmt
das letzte mal
bestimmt

aber …
versprechen
kann ich es nicht

 

Segen vor einem unausweichbaren Streit

Herr bleib bei uns bei dem was jetzt ansteht.
lass mich meine Worte so wählen,
dass ich sie nicht bereue.
lass mich klar sein und deutlich,
aber auch fair und nicht verletzend,
- jedenfalls so gut wie es irgend geht.
Herr ich bin wütend und entschlossen,
meine Fäuste ballen sich wenn ich an den Grund unseres Streites denke.
Sei Du die Versöhnung, die ich noch nicht hinbekomme.
Sei du der Schritt,
den wir beide aufeinander zu gehen.
sei Du die Hand die ausgestreckt wird,
wenn das Unwetter verklungen ist.
Sei du die Insel im Sturm unserer Auseinandersetzung,
Sei du die Planke, die uns wieder an Land führt.
Sei du der Anfang, der möglich wird, auch wenn jetzt alles dagegen spricht.
Wache Herr über das was jetzt kommt.

 

 

 

 

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