Die Hure

Ganz still stand sie vor dem Marienbild, das seit Jahrhunderten in der alten Stadtkirche aufbewahrt wurde. Sie hatte zwei Kerzen angezündet und diese zu den vielen anderen Die HureLichtern gestellt. Jeden Tag kamen die unterschiedlichsten Menschen hierhin und machten Kerzen an. „Wenn die erzählen könnten“, dachte der Engel Aljoscha, der dem Kommen und Gehen schon länger unbemerkt auf einem Säulenvorsprung zugeschaut hatte. Er konnte die Bitten und Sorgen in den kleinen Flammen problemlos lesen und hatte so manche von ihnen an den Thron des Allmächtigen getragen. Einigen fügte er – aus eigenem Antrieb – den Vermerk „Dringend“ hinzu, was ihm immer wieder den Rüffel eines der wachhabenden Erzengel eingebrachte. Denn Ratschläge für den Allerhöchsten standen einem gewöhnlichen Engel angeblich nicht zu, meinten die Erzengel. Der Allbarmherzige selbst hatte sich nie dazu geäußert. Für Aljoscha ein Grund, es immer wieder zu probieren. Als er die kleinen Lichter der Frau vor dem Marienbild sah, wusste er sofort, dass er wieder gefordert war. Die Frau war etwas ungewöhnlich für eine Kirchenbesucherin gekleidet, trotz der Kälte draußen trug sie hohe Stöckelschuhe, war ganz in Leder gekleidet und auffällig grell geschminkt. Ob sie eine schwarze Perücke trug konnte Aljoscha nicht erkennen. Denn auf diesem Gebiet war er nun wirklich kein Experte. Einige der anderen Kerzenanzünder hatten der Frau schon missmutige Blicke zugeworfen oder nur leise den Kopf geschüttelt. All das schien sie nicht zu bemerken. Sie kniete nicht wie andere, ganz still stand sie immer noch vor dem Marienbild und schaute wie abwesend dem Tanz der kleinen Flammen zu. Eine Kerze hatte sie für ihre 10jährige Tochter Laura angezündet, die herausbekommen hatte, wo ihre Mutter wirklich arbeitete und warum sie dann immer ganz andere Kleider anzog als zuhause. In der Schule kicherten die Mädchen jetzt immer, wenn Laura die Klasse betrat. Seitdem schwieg die Kleine und wich jedem Blick ihrer Mutter aus. Die zweite Kerze brannte für ihren eigenen Bruder, der unheilbar erkrankt war und den sie nicht besuchen durfte. Laura wusste noch nicht mal, dass es überhaupt einen Onkel gibt. Der kleine Engel sah aber auch die vielen anderen Sorgen, die mit den beiden Kerzen verbunden waren. Es war nicht so, dass die Frau ihren Beruf nur ungern ausübte, sie war nicht nur ein Opfer ihrer eigenen Geschichte – im Unterschied zu vielen anderen ihrer Kolleginnen hätte sie eine Alternative gehabt. Eine Lehre als Floristin hatte sie erfolgreich absolviert. Aber sie wollte das, was sie tat. „Um Macht zu haben über die Männer“, hatte sie ihrem Bruder damals gesagt, bevor der die Tür hinter ihr zuknallte und nie wieder mit seiner Schwester sprach. Aljoscha wusste, was man ihr als Kind angetan hatte. Trotzdem fand er es alles andere als toll, wenn er sie manchmal an der Strasse stehen sah. Verurteilen konnte er sie aber deshalb beim besten Willen nicht. „ Jeder hat seine ganz eigene Geschichte“, dachte er, „ und nichts, aber auch gar nichts kann über denselben Kamm geschoren werden.“ Das war seine Meinung und die vertrat er auch wenn ganz eifrige Karriereengel in Diskussionen wieder einmal mehr mit dem Gesetzbuch als mit dem Evangelium argumentierten. Ganz vorsichtig setzte sich der kleine Engel in die Nähe des alten Andachtsbildes und legte seine Wünsche zu den Bitten der Frau. Er hoffte, dass sie das Vertrauen zu ihrer Tochter wieder gewinnen, und dass sich Schwester und Bruder doch noch einmal in die Augen sehen können und dass, ja das wünschte er, sie jemand finden würde, der ihre Wut in die Arme nehmen würde und ihr halt sein könnte. Aljoscha schickte die Bitten nach ganz oben und schrieb den Vermerk „Dringend“ mit besonders dicken Buchstaben und dreifachem Ausrufezeichen.