Das Trinkgeld

Mitunter gibt es auch für Engel etwas zu lachen. Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, hatte in einem bekannten Jesuiteninternat gerade einen kleinen Geheimauftrag erledigt,Stephan Wahl Engel als er vor dem Schulportal eine große schwarze Limousine vorfahren sah. Ein Vater brachte seinen Sohn zum Schuljahresanfang. Er schien nicht gerade zu den Ärmsten zu gehören, denn man fuhr mit Chauffeur vor und ließ eben den auch die Koffer tragen. Vater und Sohn kamen mit dem Chauffeur an die Pforte und begegneten dort dem Pater, der das ganze Unternehmen leitete. Die Mutter hatte den Jungen angemeldet, der Vater kannte das Gesicht nicht. Ohne sich groß vorzustellen, nahm der Pater dem geplagten Chauffeur einen der Koffer ab und begleitete die drei in das zukünftige Zimmer des Herrn Sohnes. Der kleine Engel beobachtete amüsiert das Geschehen, konnte spätestens jetzt seine Neugierde nicht mehr zügeln und folgte ihnen in gemessenem Abstand. Im Zimmer angekommen hörte er, wie der Vater dem Chauffeur einige Anweisungen gab. Der drehte sich um und drückte dem Pater mit herablassender Miene einen 5 Euro Schein in die Hand. „Das ist für Sie, und jetzt führen Sie uns bitte zum Pater Generalpräfekt“, so lautet der Titel des Chefs. Der Pater bedankte sich, steckte das Geld in die Tasche und erwiderte mit schmunzelnder Miene: „Der steht vor Ihnen. Ich freu’ mich, Sie kennenzulernen.“ Aljoscha schlug sich auf die Knie vor Vergnügen, als er die verdutzten Gesichter von Vater und Chauffeur sah. Man überbot sich in Entschuldigungen. Ach, war einem das unangenehm! Den Chef mit irgendeinem Angestellten zu verwechseln. Dem Pater war das jedoch alles andere als peinlich. Ihm machte es sogar Spaß, auf diese Weise den ganzen Titelsnobismus und den „Ich-bin-was-besseres-Dünkel“ durcheinanderzuwirbeln. „Autorität und wahre Größe ist keine Frage von äußerem Ansehen und klangvoller Visitenkarte“, dachte der kleine Engel und war sicher, dass der neue Schüler hier gut aufgehoben war. Belustigt sah er dem betreten ins Auto steigenden Weltmann hinterher und bemerkte zu seiner größten Zufriedenheit, dass der Pater das Trinkgeld trotz allem behalten hatte.