Domsteingedanken

Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, war einfach müde. Vier Wochen Heilig-Rock-Wallfahrt plus Katholikentag, das haut selbst den stärksten Engel um. Und einen kleinen erst Recht. Aber es war eine schöne und wohlige Müdigkeit, die ihn befiel. Behaglich räkelte er sich auf dem Domstein, seinem Stammplatz am Eingang des Domes. Viele Bilder tauchten vor seinen Augen auf, und weil Engel ja bekanntlich mehr sehen als die Menschen, waren es wirklich sehr, sehr viele. Die meisten waren wunderschön, besonders die der großen Wallfahrt. So viele Menschen hatten diese Tage in Trier zusammengeführt und in ihrem Glauben gestärkt. Aljoscha ließ sie in Gedanken an sich vorüberziehen und bedachte jeden mit einem besonderen und herzlichen Wunsch. Besonders die „guten Geister“, für die die Wallfahrt noch nicht ganz vorbei war, die jetzt „aufräumten“ und ohne großes Aufsehen noch vieles zu regeln hatten, bekamen von ihm eine ordentliche Portion stärkenden Rückenwind. Es gab aber auch manches, das ihn nachdenklich den Kopf schütteln ließ. Der kleine Engel dachte an den Katholikentag und was manche auf ihm und über ihn glaubten sagen zu müssen. Als wenn sie es wegen externer Kritik nicht schon so schwer genug hätten, mussten manche Menschen sich auch noch gegenseitig in verbale Rangeleien verwickeln und mit uncharmanten Formulierungen verletzen. Dabei nannten sie sich doch alle Christen. Und es waren nicht nur die trotzigen Reformkatholiken, für die das galt … Auch unter einer Mitra werden bisweilen merkwürdige Gedanken geboren. Ob sie es je lernen, seufzte Aljoscha, und dachte an den Apostel Paulus, der im Brief an die Galater gemahnt hatte: “Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt …“ Schade, dachte der kleine Engel, dass sich manches nicht geändert hat, und dabei wäre es doch wichtig, fest zusammenzustehen. Der Wind bläst den Christen stärker ins Gesicht als früher. Für viele sind sie schlicht kein Thema mehr. Der große Abschlusstag des Mannheimer Katholikentags war der Tagesschau schon keinen einzigen Satz mehr wert. Merken sie wirklich, was da passiert? Bei dieser Frage war es für Aljoscha mit der wohligen Ruhe vorbei und er war mit einem Schlag hellwach. Und entgegen seiner ursprünglichen Absicht, sich für einige Zeit wieder in die höheren Gefilde zu verabschieden, beschloss er, seine Oberen um Verlängerung seiner Mission zu bitten. Denn er ahnte, dass er noch sehr gebraucht werden würde.