Die Grubenlampe

Nachdenklich betrachtete Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, die Grubenlampe im Kreuzgang des Domes. Bergleute aus dem Saarland hatten sie in diesem Jahr bei ihrer Wallfahrt zum Heiligen Rock mitgebracht. Diese Pilger kamen mit ganz besonderen Erinnerungen und ganz unterschiedlichen Emotionen. Nachdenklich waren alle, denn Ende Juni war nun endgültig Schluss mit dem saarländischen Bergbau. Dem kleinen Engel gefiel die Idee, im sonst nur mit Kunstwerken und Ornamenten verzierten Dom eine einfache Grubenlampe zu installieren. Sie erinnerte an das für so viele Generationen lebenswichtige Zeitalter des Bergbaus und vor allem an die Menschen, die damit verbunden waren. An alle, die ihre Familien durch diese Arbeit versorgt hatten, an alle, die das Ende dieser Zeit jetzt besonders heftig getroffen hatte, an alle, deren Gesundheit durch die Arbeit unter Tage ramponiert worden war und natürlich nicht zuletzt an alle Verunglückten und Toten. Davon erzählt die Grubenlampe, dachte Aljoscha, und wusste natürlich noch mehr über die vielen Lebensgeschichten, für die sie stellvertretend stand. Vielleicht wird sie ja jedes Jahr am 30. Juni, also am Tag des offiziellen Bergbauendes entzündet, überlegte er, und hoffte, dass man im Dom auf einen ähnlichen Gedanken kommen würde. Eins wusste er: der heiligen Barbara, der Patronin der Bergleute, würde dies sicher gefallen. Wie hieß es doch in einem Stoßgebet zu ihr: „St. Barbara bei Tag und Nacht, fahr mit uns in den tiefen Schacht! Steh du uns bei in aller Not! Bewahre uns vor jähem Tod.“ Und still für sich sagte Aljoscha – ganz leise und sehr bewegt – ein anderes Gebet auf, das die Bergleute vor der Einfahrt so oft gesprochen hatten: „Wir richten, eh‘ wir niederfahren, / Den Blick, oh Gott empor zu Dir. / O woll uns, Herr, getreu bewahren, / Lass wiederkehren uns nach hier. Schließ auf den Stollen deiner Liebe, / Den finstren Schacht, in dem wir bauen. / Schirm uns vor Ort und im Betriebe, / Lass fromm und treu uns Dir vertrauen. Herr, segne Streben, Schacht und Stollen, / Bewahre uns vor Flut und Brand. / Herr, dem wir treu gehören wollen, / Du hast die Welt in Deiner Hand.“ Lange schaute der kleine Engel nachdenklich dem flackernden Licht der Grubenlampe zu, die auch für alle stand, die vor allem durch ihrer Hände Arbeit ihre Familien ernährten und praktisch-kompetent, ohne großen Applaus, ihre Aufgaben erfüllten. Also: für die Mehrheit der Menschen im Bistum, die seit Jahrhunderten in ihren Anliegen und Sorgen zu „ihrem Dom“ gepilgert waren. Gut, dass sie jetzt da ist, dachte der kleine Engel und legte alle seine Bitten, die er in den Herzen der Menschen an diesem Tag gesammelt hatte, in das Licht der Grubenlampe.