Der Urlaub

Urlaubszeit, Ferienzeit. Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, sah überall Menschen in die Sommerferien aufbrechen und wurde fast ein bisschen neidisch. Er selbst fühlte sich etwas überarbeitet und beschloss, um Sonderurlaub zu bitten. Der zuständige Amtsengel kräuselte die Stirn, als ihm Aljoscha seine Bitte vortrug. Auf eine solche Idee war bisher noch niemand gekommen. Und überhaupt, dafür gab es ja noch nicht einmal ein Formblatt. Nein, er werde sich hüten, eine solche Angelegenheit selbst zu entscheiden. So etwas sei wahrscheinlich Chefsache. Der Amtsengel setzte eine offizielle Miene auf, informierte den nächsthöheren Amtsengel, der wiederum seinen Vorgesetzten und so weiter, bis schließlich die Bitte Aljoschas bei einem der obersten Erzengel angelangt war. Unwillig hörte sich dieser den Wunsch Aljoschas an und weigerte sich, den Allmächtigen mit solch unnötigen Lappalien zu belasten. Der Allmächtige habe genug zu tun, seinen Kosmos einigermaßen auszubalancieren und im Griff zu halten. Wie könnte er da Zeit haben, sich um solch kleinliche Bitten zu kümmern. Von Menschen sei man diese Störungen ja gewöhnt, aber dass jetzt selbst die Engel damit anfangen … Der Erzengel schüttelte verständnislos den Kopf. Nein, man solle Aljoscha mitteilen, seinen Urlaub könne er vergessen. Gerade war er dabei, sich noch eine tüchtige Mahnung für den kleinen Störenfried auszudenken, als er ein ihm sehr vertrautes leises Donnern vernahm. Der Allmächtige hatte wohl dem Treiben die ganze Zeit zugesehen. Man vergisst es zwar leicht, aber ER bekommt halt immer alles mit. ER sah die amtsbewussten und dienstkorrekten Engel, und ER sah den müden und sonst so eifrigen kleinen Aljoscha. Später sagten einige, der Allgütige hätte geschmunzelt, als er beschloss dem kleinen Engel seine Bitte zu gewähren. Direkt, ohne Einhaltung des Dienstweges. Gott sei Dank, dachte Aljoscha, Gott bleibt Gott. Es gab wirklich nichts, was vor Gott unwichtig war. Nichts und niemand. Auch ein Engel musste sich bisweilen daran erinnern lassen. Gott hat es nicht leicht, dachte Aljoscha, und begann seinen Urlaub. So ganz konnte er allerdings von seiner Aufgabe nicht loslassen, denn mit Blick auf die alle, die jetzt auf den Autobahnen, im Zug oder in der Luft unterwegs waren, bat er den Himmel noch schnell um eine tüchtige Portion Reisesegen. Denn: einmal Engel, immer Engel, und das war auch ganz gut so. Für ihn und erst Recht für die Menschen.