Gottesbilder

Der Domstein war einfach sein Lieblingsplatz. Nicht nur weil er gerne den Kindern zusah, wie sie ihn fröhlich als Rutschbahn und Kletterobjekt benutzten, sondern weil man von ihm aus herrlich die Besucher und Besucherinnen des Domes beobachten konnte. Manchmal konnte Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, einfach nur staunen. Wer da alles in den Dom strömte – so viele unterschiedliche Menschen. Auch eine Menge Priester in allen nur möglichen Ausgaben. Manche streng und dienstlich korrekt gekleidet, manche bunt wie ein Papagei. Dem kleinen Engel war das Äußere nie besonders wichtig gewesen, denn er sah ja mehr, und er sah – tiefer bis ins Herz. Und darauf kam es ja an. Aljoscha bedauerte es immer, wenn er mitbekam, wie schnell Menschen sich in Schubladen wiederfanden, in die sie eigentlich nicht passten. Römerkragen heißt „nur konservativ“ und Krawatte steht für „nur liberal.“ Mag ja bisweilen stimmen, dachte der kleine Engel, aber eben nicht nur und immer. Und während er so die festgelegten Bilder, die Menschen von sich zu schnell machen, bedachte, erinnerte er sich an ein Erlebnis in einer Kirche in der Eifel und musste unwillkürlich hell auflachen. Nach dem Läuten der Sakristeiklingel betraten damals der Pfarrer und der Kaplan gemeinsam den Altarraum. Der Pfarrer war groß an Gestalt, fast zwei Meter lang, viel kräftiger als der dünne und schmächtiger wirkende junge Kaplan. Das erste Lied wurde gesungen. Dann platzte ein Kind in die kurze Stille nach der letzten Strophe und krähte unüberhörbar in die Kirche: „Guck mal Mama. Da ist der große und der kleine liebe Gott!“ Die ganze Kirche lachte, samt den beiden zu himmlischen Würden Beförderten. Und auch Aljoscha wäre vor Vergnügen fast von der Brüstung der Orgelempore gefallen, auf der er alles beobachtet hatte. Dann sah er, wie die kleine Anna von ihren Eltern liebevoll eines Besseren belehrt wurde, denn zwischen Gott und seinem Bodenpersonal gibt es nun doch erhebliche Unterschiede, was der Engel Aljoscha nur zu gut wusste. Aber eigentlich hatte sie – ohne es freilich zu merken – allen eine kleine Lektion erteilt. „Denn wie soll man sich Gott anders vorstellen, als mit den Möglichkeiten, die man hat“, sagte Aljoscha ganz leise, damit es niemand hörte. Und er dachte daran, wie verzerrt und unfreiwillig komisch aus der Perspektive des Allmächtigen alle Bilder sein müssten, die die Menschen sich im Laufe der Jahrhunderte von ihm gemacht haben. „Er wird dafür auch eine Portion Humor brauchen“, schmunzelte der kleine Engel. Und er wusste, dass es eine ordentlich große und göttliche Portion sein müsste.