Konkurrenten

Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, hatte Hunger. Eigentlich war das für Engel gar nicht vorgesehen, aber immer, wenn er sich lange auf der Erde „herumtrieb“, wie manche Kollegen unsanft bemerkten, entwickelte er dieses ziemliche irdische Gefühl. Essen im eigentlichen Sinne musste er aber auch dann nicht, ihm genügten ein Besuch in einer der vielen Gaststuben sowie der Geruch und der Anblick der köstlichen Leckereien. Man isst auch mit den Augen, dieser Lehrsatz für Köche hat nämlich für Engel eine ganz eigene Bedeutung. Aljoscha beschloss, heute zum Italiener zu gehen. Marcello stammte aus Neapel und führte eine meist sehr gut besuchte Trattoria. Oft hatte Aljoscha ihn schwärmen hören von seiner Stadt und den langen Abenden am Meer. Irgendwann würde er ganz bestimmt wieder dort leben, erzählte er immer wieder seinen Gästen, wenn er sich nach dem Schließen der Küche zu einem Grappa zu ihnen setzte. Neben seinem Restaurant gab es ein griechisches Lokal. Tür an Tür warteten beide Besitzer auf ihre Gäste. Wenn im Sommer die Tische auch draußen gedeckt wurden, konnte man manchmal schwer unterscheiden, in welchem Bereich man nun saß. Natürlich waren sie Konkurrenten, Marcello und Alexander, natürlich hoffte jeder von ihnen, dass die Leute sich für die richtige Tür entscheiden und an ihrem Tisch Platz nehmen würden. Aber sie mochten sich beide und verstanden sich gut. Das wusste Aljoscha und auch, dass er nicht ganz unschuldig daran war. Er hatte manchmal dafür gesorgt, dass sich Unentschiedene in die Tür bewegten, in der am wenigsten los war. So dass beide Konkurrenten meist zufrieden waren am Ende des Tages. Wie sehr die beiden sich mittlerweile verstanden sah der kleine Engel, als er Marcello am späten Abend mit einer guten Flasche Barolo ins griechische Restaurant gehen sah. Alexander begrüßte ihn herzlich, der Italiener öffnete die Flasche und der Grieche brachte Gegrilltes aus der Küche. Seit einiger Zeit machten sie das regelmäßig. Einer spendierte das Essen, der andere den Wein. „Wenn das doch immer so einfach wäre mit der Völkerverständigung“, seufzte Aljoscha. Und auch wenn beim Anblick der feinen Lammkoteletts sein Hunger langsam auf Engelart gestillt wurde – deswegen war er ja hier –, glücklich war er besonders über die Beiden, die sich da munter zuprosteten. Und er beschloss, dies in seinem Jahresbericht besonders lobend zu erwähnen.