Am Nikolausabend

Aljoscha, Gottes kleiner Lieblingsengel, liebte es am Nikolausabend durch die Straßen zu streifen. Er sah Männer mit langen falschen Bärten von Haus zu Haus gehen, ausstaffiert mit mehr oder weniger prächtiger Dienstkleidung. Messgewänder oder Chormäntel waren bei den Pfarrern ausgeliehen worden, man trug eine Mitra aus Pappe und zog mit selbstgemachten Hirtenstäben zu den Familien. Aljoscha sah diese Sorte von Nikoläusen gerne, denn sie erinnerten daran, dass der große Heilige einst Bischof war. Die Mutationen mit rotem Mantel und Zipfelmütze mochte er weniger, denn immerhin: er kannte den echten Nikolaus ja nun schon seit Jahrhunderten, und der lauschte mit Vergnügen den Geschichten, die ihm Aljoscha von seinen irdischen Streifzügen jedes Jahr mitbrachte. An verkleideten Menschen, die ihn versuchten nachzumachen, hatte der prominente Heilige seinen besonderen Spaß. Eine Geschichte hatte ihn besonders amüsiert. Sie hatte sich vor langer Zeit in Bonn abgespielt. Aljoscha musste sie jedes Jahr erzählen. Abiturienten hatten damals einen Nikolausservice angeboten, und ein hoher Ministerialbeamter – damals waren ja noch alle in Bonn – hatte einen „Nikolaus“ für seine Familie bestellt. Dieser Herr empfing ihn an der Tür, führte ihn in den Flur und erteilte ihm weitschweifig detaillierte Regieanweisungen für seinen bevorstehenden Auftritt. Der verkleidete Nikolaus wurde auf die Geschenke hingewiesen: „…dies ist für meine Tochter Anna, das für den Sohn Thomas, dies für meine Gattin, und das hier“, und jetzt strahlte der Mann über beide Backen, „das hier ist für mich.“ Sprach’s und verschwand im Wohnzimmer, nicht ohne seinem Gast einzuschärfen, auch ja dreimal an die Tür zu klopfen und das Glöckchen zu läuten. Der Abiturient in Bischofstracht nahm tief Luft, bimmelte und trat ins Zimmer. Gut, dass man den kleinen Engel damals nicht sehen konnte. Aljoscha konnte sich kaum halten bei dem, was er zu sehen bekam. Auf dem Sofa saß die erwähnte Gattin und versuchte, ein etwa anderthalbjähriges Kind, Thomas, mit allen Mutterkünsten zu beruhigen. Er schrie nach Leibeskräften, und der Anblick des bärtigen Nikolaus’ hatte alles andere als beruhigende Wirkung. Die Mutter war vollauf beschäftigt. Etwas ratlos hielt der bestellte Nikolaus nach dem anderen Kind Ausschau. Er entdeckte Anna in einer wunderbar geschnitzten Wiege. Anna war höchstens drei Monate alt und am hohen Besuch nicht im Mindesten interessiert. Mittendrin aber saß der Vater, mit leuchtenden Augen, empfing sein Geschenk und den von ihm selbst vorformulierten Spruch. Als er zu singen anfing, suchte der junge Nikolaus das Weite. Höflich, versteht sich. „Krasser hab’ ich nie erlebt, zu was das sogenannte ‚Kind im Manne’ fähig sein kann“, mit diesem Satz pflegte der kleine Engel meist seine kleine Erzählung zu beenden. Der echte heilige Nikolaus nickte dann und strich sich vergnügt über den ebenso echten Bart. Denn er kannte noch viele ähnliche Geschichten, die davon erzählten, dass es in diesen besinnlichen Tagen nicht nur Kinderaugen sind, die leuchten.