Stephanustag

Der Tag danach war schon etwas ruhiger. Aljoscha und die anderen Engel sangen am Tag nach Weihnachten nicht mehr so aus voller Kehle wie am eigentlichen Weihnachtstag. Auch Engeln geht mal die Puste aus, aber genau genommen lag es nicht daran. Gottvater selbst hatte da capo angeordnet und Anweisung gegeben, etwas verhaltener zu jubilieren. Darüber wunderte sich der kleine Engel Aljoscha. Ihm fiel nicht mehr ein, warum alle etwas zurückhaltender sein sollten. Das bemerkte der Allmächtige, und er wusste nur zu gut, dass auch Engel ungern zugeben, etwas nicht zu wissen. Er winkte einen bedeutsam aussehenden Mann aus dem Heiligenhimmel heran und bat ihn, Aljoscha seine Geschichte zu erzählen. „Heute ist der Stephanstag“, begann der Heilige geheimnisvoll. „Es ist mein Namenstag.“ Und dann erzählte er, dass er, Stephanus, der erste Märtyrer gewesen sei, der für den neuen Glauben an den Sohn des Allmächtigen sein Leben lassen musste. Gesteinigt hätten sie ihn vor den Toren von Jerusalem, und er selbst habe im Sterben noch für seine Peiniger gebetet. Vielen Menschen sei es nach ihm ähnlich gegangen. Bis heute. Manche würden mitleidig wegen ihres Glaubens belächelt, andere müssten auch heute noch um ihr Leben fürchten. Daran sollten die Menschen jedes Jahr erinnert werden. Weihnachten sei halt nicht nur eine Sache der Lieder, der Kerzenstimmung und des schönen Gefühls, sondern auch eine Erinnerung, dass es Konsequenzen haben kann, sich ganz auf Gott einzulassen. Daran würde der Stephanustag erinnern. Aber auch daran, wie stark der Glaube sein kann und welche Kraft er geben kann. Trotz aller Bedrängnis habe er nicht aufgegeben, sagte Stephanus. Und deshalb habe später einmal jemand geschrieben, Stephanus hieße: „Den Himmel offen sehen, auch wenn die Steine fliegen.“ Das merkte sich der kleine Engel Aljoscha. Er erinnerte sich an die Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten nicht die Hoffnung verlieren, und er dachte ganz fest an sie. Ganz wie ein Engel.